Weit ab vom Schuss – Perth

Weit ab vom Schuss – Perth

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Es hatte mich eher durch Zufall nach Perth verschlagen. Der Südwesten Australiens war in der Tat ein leeres Blatt für mich – bis ich in Adelaide saß, meinen Mitreisenden ansah und nur noch dachte: “Ich kann dich nicht ausstehen!”

Sowas kommt vor. Wir hatten uns in Sydney getroffen, bei der ein oder anderen Dose Victoria Bitter erschien mir der junge Mann als gar nicht mal so übel. Nüchtern war es schlimmer, aber es ließ sich doch aushalten. Erst nach und nach während der fünf Wochen, die wir mit vielen anderen in Melbourne verbrachten und dann weiter auf der Great Ocean Road gen Westen reisten, fielen mir Charakterschwächen auf, die sich nicht ignorieren ließen. Da war sein Essverhalten. Schmatzen wäre ein zu zaghaftes Verb – es klang wie im Schweinestall, mit diesem Kerl zu essen. Er war gerade einmal zwei Jahre jünger als ich, sein Englisch mitnichten schlechter als meins – wie mir schien – aber anscheinend war er, sobald es um australische Bürger ging, plötzlich schüchtern. Also musste ich ALLES regeln, ich wurde zu einer Art Roboter, Dolmetscher für diesen Hänfling.

In Adelaide wollte ich mit zwei anderen Backpackern zu einer Orangenfarm aufbrechen, um meine Reisekasse für die noch vier offenen Monate Australien aufzufüllen. Der Begleiter wollte mit, das wiederum wollte ich nicht. Nachdem ich ihn erfolgreich zurückgelassen hatte, wurde das Obstpflücken leider auch kein Erfolg. Zunächst verdarb uns der Regen das Geschäft, dann verschwand die philippinische Chefin mitsamt Registrierkasse in Richtung Heimat. Bis heute, immerhin sieben Jahre später, habe ich keinen Cent für meine Arbeit erhalten.

Die Lage war also ein wenig angespannt und eine Depression drohte, mir den australischen Hochsommer im Januar zu vermiesen. Also sah ich auf die Landkarte und wählte Perth. Die südwestliche Stadt, weit, weeeeiiit weg vom Rest der Welt. Eine der abgelegensten Städte der Erde. Selbst für australische Verhältnisse, also in einer Umgebung, in der auch die morgendliche Fahrt zur nächsten Tankstelle für so manchen Einwohner zwei Stunden dauern kann, ist Perth weit ab vom Schuss. Dennoch hörte ich von anderen Reisenden begeisterte Erinnerungen an diese kleine Welt am Indischen Ozean. Also dachte ich mir, ein Tapetenwechsel nach Westen kann nicht schaden. Der Flug von Adelaide dauerte drei Stunden. Nach einer unbequemen Nacht auf dem Flughafen war ich dankbar, nicht allein einzusteigen. Annika aus der Schweiz brachte mich zum Lachen und machte mir klar, wie wichtig es ist, auch nach schlechten Erfahrungen weiterhin allen Menschen gegenüber offen zu begegnen, die man auf so einem langen Trip antrifft.

Meine Taxifahrt vom Flughafen in die Stadt führte mich in die Irre. Ich dachte, Perth liegt am Meer. Mehr oder weniger stimmt das – der Vorort Fremantle zum Beispiel küsst den Indischen Ozean – aber das Zentrum liegt an einem aufgestauten Fluss. Ein wenig erinnert es tatsächlich an die Hamburger Außenalster. Der Swan River sorgt für maritime Stimmung. Die modernen Hochhäuser für den Charakter einer Metropole. Und doch war es von Anfang klar, dass eine ausgeglichene und entspannte Atmosphäre das Bild in den Straßen und über den Dächern der Stadt beherrscht. Nun haben Australier ja ohnehin nicht gerade den Ruf, sich schnell aus der Ruhe bringen zu lassen oder schnell auszuflippen. In Perth aber schienen mir die meisten Leute noch entspannter als im fernen, belebten Südosten des Landes. Ich betrat den Stadtteil Northbridge, ohne zu ahnen, dass ich hier ganze vier Wochen verbringen würde, die mit zur intensivsten Erfahrung meiner Reise werden sollten.

Nach einer ersten Woche, in der ich größtenteils allein durch die Stadt zog, mir vom King’s Park oberhalb der Stadt die Sonnenuntergänge ansah, die unwirkliche Lichter auf die Skyline warfen, nach einer Unterbrechung in den Norden, um auf einer Farm mit der Ernte von Melonen Geld zu verdienen, kehrte ich zurück und betrat die Aberdeen Lodge. Dieses Hostel verdankte seinen Namen dem der Straße – Aberdeen street – und wurde meine Heimat. Ich lernte Menschen kennen, die teils noch heute, immerhin sieben Jahre danach, meine Freunde sind. Ich trank Unmengen und kiffte und führte undendlich lange Gespräche bis in den Morgen. Ich schaute mir viele Filme an, die ich immer schon mal sehen wollte. Ich sprach mit Menschen aus aller Welt über ihr Leben und ihre Reisen, und es wurde mein Fernweh für Länder und Regionen geweckt, die ich zuvor niemals interessant fand. Meine Reise nach Iran resultiert letztlich aus diesen Wochen in der Aberdeen Lodge…

Ich dachte auch viel darüber nach, wohin es mit mir gehen, wer ich werden sollte, wenn ich einmal zurückkehren würde. Und ich fasste den Beschluss, dass ich mir in Deutschland eine neue Heimat in Hamburg schaffen will. Ansonsten flirtete und feierte ich, besuchte unzählige Male das Western Australian Museum (mit freiem Eintritt – ein kläglicher Versuch der Stadtverwaltung, die nicht unbedingt an Kultur interessierte junge Bevölkerung der Region umzustimmen), ich wachte an manchen Tagen um zwei Uhr mittags auf, an anderen morgens um acht. Kurzum: Ich war vollkommen frei. Und dennoch eingebunden in einen tollen, gut abgestimmten sozialen Zirkel.

Noch mehr passierte: Ich nahm mir einen Mietwagen und erkundete für drei Tage den Südwesten Australiens. Ich sah die hohen Bäume nördlich von Albany. Schlief im Auto an einem Strand, irgendwo bei Walpole. Zwei Jungs surften an dieser Stelle, es war ihr privater Spot. Sie stiegen irgendwann aus den Wellen und setzten sich zu mir, gaben mir von ihrem Bier und beneideten mich, als ich ihnen berichtete, wie frei und planlos ich gerade lebte.

Diese Gegend Australiens überraschte mich. Keine rote Erde, keine Wüste, keine große Leere, stattdessen viele grüne, saftige Weiden, auf denen tagsüber Rinder und Schafe, ab der Abenddämmerung die Känguruhs grasten. Es erinnerte sehr an manche Regionen der Mittelmeerküste, dann wieder an Skandinavien oder Kanada. Eine wilde, grüne, baumgesäumte Landschaft. Hier und da Kleinstädte mit den Fischkuttern vor Anker. Kurz und knapp: Ich kehrte begeistert zurück von meiner Spritztour.

Zurück in Perth verliebte ich mich in eine Mitbewohnerin aus Estland, unsere kurze, heftige Romanze passte ganz gut zu den vielen Glückshormonen in der Luft. Als ich schließlich im März, nach mehr als einem Monat, in Richtung Flughafen fuhr, um ins Landesinnere weiterzureisen, tat ich dies ohne Tränen. Ich ließ so viele Menschen und Gefühle zurück, aber irgendwie war ich dennoch ruhig und zufrieden. Wenn ich heute, so lange danach, zurückdenke an diese Zeit und warum es mir damals so gut ging, dann weiß ich: Niemals zuvor oder danach war ich mit mir und der Welt so im Reinen. Niemals war ich so ungebunden und frei. Zurück zu Hause lernte ich schnell, dass dies nur möglich war, weil ich so weit ab vom Schuss, vom Rest der Welt und vom Rest meiner Welt, gelebt hatte. Ein eigener Kosmos in und um einer Stadt – irgendwo am Indischen Ozean.

Perth hat sehr viel damit zu tun. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es beschreiben kann, aber so sehr hätte ich mich in den anderen Städten des Landes nicht auf mich und meine Gegenwart einlassen können. Was diese Stadt so besonders macht, ist genau diese Lage, diese so “einsame” Position auf der Landkarte hat etwas, dass Feierlaune und eine Form von positivem Trotz heraufbeschwört. Als ob man ein Gefühl erhält, hier gestrandet zu sein und mit den anderen Menschen vor Ort im selben Boot sitzt. Damit mich niemand falsch versteht: In Perth gibt es genau so viele Arschlöcher wie woanders auch, ich war mitnichten mit allen Leuten während dieser Wochen befreundet. Aber es war plötzlich vollkommen egal, denn es gab genügend Leute und Dinge, die ich toll fand. Wenn man eine gewisse Zeit in dieser Stadt verbringt, ist man ausgefüllt. Erfüllt erscheint mir ein zu besetzter Begriff.

Wenn es eine Phase meines bisherigen Lebens gab, in der ich die Fühler ausstrecken konnte, wirklich Zeit hatte, darüber nachzudenken, WAS ich will und mich inspirieren zu lassen, dann waren es diese Wochen in Perth. Grund genug, diese Stadt für immer bei mir zu behalten. Und das werde ich auch weiterhin. Und bestimmt werde ich sie noch einmal besuchen… irgendwann.

   

 

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