Blaue Medina in den Bergen

Blaue Medina in den Bergen

Eingetragen bei: Afrika | 1

Das Klimpern des Schmieds hallt von den blauen Mauern zurück, klirrt hinab von den Dachfirsten und dringt im Wechsel der Regentropfen durch meine Ohren in mich, in mein Bewusstsein. Ganz plötzlich bin ich nun hier, bin Auge, Mund, Nase, Ohr. Marokko. Chefchaouen, im Norden des Landes, im Riffgebirge. Der Schmied holt aus und seufzt bei jedem Schlag.

Bei Reisen in fremde Kulturen gibt es stets eine zweite Ankunft – die, wenn man wirklich angekommen ist. Die Seele reist nicht schnell genug hinterher – Flugzeuge, Petit Taxis, Busse und selbst erschöpfte erste Schlafphasen sind zu schnell für sie; sie hält nicht Schritt. Die erste Ankunft ließ die Seele noch erschöpft zurück. Sie gehört zu demjenigen, der man hier – am Ankunftsort der Sehnsucht – nicht mehr sein wollte, der aber lästig an einem klebte, wie ein Hautausschlag, den man nicht loswird. In den ersten Hotels, bei den ersten Mahlzeiten mit Tajines und Krauseminztee, klebte dieser Jemand an einem und verhinderte, dass man wirklich ankommt. Dann folgt jedoch unvermeidbar der Augenblick, in dem der Reisende eins wird mit dem Bild seiner Sehnsucht, die ihn an diesen Ort, in dieses Land, geführt hat. Und wenn dieser Augenblick kommt, spürt man es zweifelsfrei: Dies ist es.

Dies ist es. Ich streune durch den morgendlichen Regen in der Calle ibn Askar, in Chefchaouen. Die Regentropfen klopfen auf meinen Schirm und trommeln auf den Pflastersteinen, um mich die vielen Blautöne dieser kleinen Stadt in den Bergen. Die Berge des Riffgebirges ziehen sich vom Nordwesten des Landes, unweit des an der Straße von Gibraltar gelegenen Eingangstores Afrikas (oder Ausgangstores, wenn man die aktuellen Nachrichten bedenkt) – Tanger – bis nach Osten an die algerische Grenze. Ich befinde mich in der Medina, der Altstadt. Die Medinas der Königsstädte in Marokko sind einfarbig – rot in Marrakesch, weiß in Tanger, gelblich-weiß in Fez – doch in Chefchaouen sind die Häuser blau. Man braucht nur aus der Tür seines Riads treten und allein der Anblick der Gassen und Straßen lässt das Herz höher schlagen. Schönheit hat etwas Antreibendes, etwas Motivierendes… und sie kostet nichts. Das Klopfen des Schmieds, der Geruch von gebratenem Lamm, Fischgeruch von einem Straßenhändler in der Gasse, das Stimmengewirr einer Grundschulklasse um die Ecke, die im Chor Koranverse des Lehrers wiederholt. Seltsam. Bei so viel Hass und Missverständnis, die derzeit das Verhältnis des Westens zum Islam bestimmen; dieser Chor und diese Worte klingen so friedlich, so beruhigend. Ich aber bleibe fremd, verstehe nicht den Sinn hinter diesen einlullenden Lauten und gehe weiter, bergan durch die hell- und dunkelblauen Wege. Heute habe ich mich allein auf den Weg gemacht, auch auf einer Reise zu zweit braucht man ab und an die Einsamkeit, die uns allen lieb und teuer ist.

Am Rande der Medina erreiche ich den Fluss, Oued Ras el Maa, der in den hohen Bergen oberhalb der Stadt aus dem Gestein entspringt. Frauen mit bunten Kopftüchern machen an einem überdachten, extra hierfür vorgesehenen Becken die Wäsche. Sie schnattern fröhlich und schrubben kräftig, in solchen Ländern erfordert die Hausarbeit noch Elan. Wobei gesagt werden muss, dass Marokko mir – zumindest in den Städten – in diesen ersten Tagen unserer Reise ein Bild vor Augen führt, das sehr angepasst, sehr westlich, sehr modern ist. Da hat man nun den Salat. Man sitzt drei Stunden im Flugzeug, man erwartet Exotik und Fremde, oder erwartet man, böses Wort, gar Folklore? Was die Frage aufwirft, welches Recht sich der Reisende aus der ersten, der alten Welt, herausnimmt, wenn er auf der einen Seite möchte, dass es den Menschen in der sogenannten „Dritten Welt“ besser gehen möge; auf der anderen Seite aber das traditionelle, das andere Nordafrika erwartet? Es gibt kein Recht auf die totale Fremde, denn diese totale Fremde ist heute wohl nur an solchen Orten zu finden, die man nicht erreichen kann. Oder sie sind, wenn auch erreichbar, doch zu gefährlich, um sie lediglich aus Neugier aufzusuchen. Die Fernseher, die Smartphones, die Kleidung, die Autos, selbst die Mode der meisten Frauen – die mitnichten alle verschleiert oder mit Kopftuch unterwegs sind – all das ist so angepasst und gleich wie bei uns in Europa.

Erst das genaue Hinsehen und Hinhören lässt den Besucher gewahr werden, dass er sich tatsächlich in einer anderen, oder andersartigen Umgebung, einem fremden Land bewegt. Da sind zunächst die arabischen Schriftzeichen. So viel kunstvoller und subtiler als meine eigene Schrift, was hauptsächlich der einfachen Tatsache geschuldet sein mag, dass ich sie nicht verstehe, den Code nicht dechiffriere. Und dennoch. Allein der Anblick all dieser fremdartigen Zeichen lässt mich erkennen, woanders angekommen zu sein. Chefchaouen macht es mir zudem dank der blauen Farbe noch leichter – ich wüsste von keiner Stadt zu Hause, in der alle Wände blau sind. Dann die Geräusche. Man hört noch den Schmied. Man wird vom Gesang des Muezzins geweckt, wobei – ich werde vom Muezzin geweckt, sie höre das morgens gar nicht, sagt sie. Noch etwas? Aber ja. Man hört und sieht die Tiere, bevor sie geschlachtet oder gerupft werden. Ab und an sieht und hört man sie nicht bevor, sondern während es geschieht. In den Souks der Medinas arbeiten die Metzger, genau wie alle anderen, vor den Augen der Passanten und der Kunden. Das nimmt dem alltäglichen Leben seine Verlogenheit. Während wir in Europa so tun, als hätte Fleischverzehr nichts mehr mit dem lebenden Tier zu tun – außer auf Plakaten veganer Aktivisten – kann man hier noch aus dem ganzen Tier wählen und auch betrachten, wie das Stück Fleisch aus dem Tier hervorgeht. Also doch Fremde, zum Ansehen, Anhören.

Ich überquere den Fluss und lasse die Frauen mit ihrer Wäsche zurück. An einem der steilen Berghänge, an denen sich die Straßen der Medina wie die Tentakel eines Kraken festsaugen, führt ein Wanderweg hinauf. Mittlerweile hat der Regen aufgehört, die Sonne durchbricht zaghaft die Wolkenfetzen über dem Riffgebirge. Seitlich des Weges wachsen wilde Olivenbäume und Kakteen. Ganze Haine an Kakteen streben hier nach der besten Aussicht auf die blaue Stadt und man kann es ihnen nicht verdenken. Städte von oben haben immer auch etwas Ordnendes. Das Gewirr der Straßen, Innenhöfe, der Plätze und der herausstechenden Gebäude bekommt eine Struktur. Man erkennt Zusammenhänge, man sieht, dass dieses Restaurant doch gar nicht so weit vom eigenen Riad entfernt liegt, sondern dass man sich nur im verwinkelten Labyrinth der Medina verlaufen hatte. Im Hintergrund dominieren die grün bewachsenen Berge das Panorama, wie mit einer Kartusche hingeworfen erscheinen sie rücklinks der Häusermenge.

Mein Weg führt mich vorbei an einem eingeschossigen Haus, das der hiesigen Familie als Bauernhof dient. Kaum passiere ich die Gartenpforte, springt mir ein erboster Hahn mit wunderbar rotem Kamm vor die Füße. Als ich ihm ausweichen will, höre ich eine rauchige Männerstimme etwas auf Arabisch rufen. Ich kann es nicht verstehen, aber zweifelsohne ist es ein Appell an das erboste Haustier, Ruhe zu geben. Wirkungslos, mit staksigem, stolzem Schritt marschiert er den Weg hinauf in Richtung seines Harems. So an die fünfzehn Hühner dürften es sein, die dort im Dreck herumwuseln. Der Mann bittet mich in den Garten, das nun wieder passt mir nicht in den Kram. Ich bin nicht schüchtern, aber ich verstehe ihn überhaupt nicht und wenn uns in den vergangenen Tagen Marokkaner ohne Grund oder ohne Frage unsererseits ansprachen, dann meist – ich muss es leider so berichten – um Geld für irgendetwas zu erhalten; gerne auch für nichts. Seine Enkelin, eine junge Frau mit blauem Kopftuch, erklärt mir auf Französisch: „Er möchte sich für den Hahn entschuldigen. Sie sollen sich nicht erschrecken.“ Ich antworte, dass es kein Problem gibt, es sei alles in Ordnung, da greift mich der Mann bereits am Arm und führt mich in die Wohnstube. Karge, aber geschmackvolle Einrichtung, ein großer Tisch aus dunklem Holz, ein paar Stühle, ein altes, quietschgelbes Sofa. Auf dem Teppichboden spielt ein kleines Mädchen, vielleicht zwei Jahre alt. Der Mann nimmt das Kind lachend auf seinen Arm, es beginnt zu weinen. Aber wo kommen wir denn da hin? Ein Gast ist im Haus, dazu ein Gast aus dem fernen Deutschland, wie ich erkläre… da muss nun auch das Kind durch. Ich setze mich und das Kind wird mir auf den Schoss gestellt – Widerrede zwecklos, für uns beide. Da sitze ich nun und werde von meinen Gastgebern ausgefragt. Wie lange sei ich in Chefchaouen? Wie gefalle mir Marokko? Ob ich die spanische Moschee auf dem Hügel schon gesehen habe? Letzteres gibt mir die Gelegenheit, Bewegung in die Sache zu bringen. Ich erkläre, genau dorthin sei ich gerade unterwegs gewesen, bevor mir der Hahn so abrupt den Weg abschnitt. Lachend und gestikulierend erhalte ich ein Glas Tee, dann einige selbstgebackene süße Teilchen und damit bin ich entlassen. Es ist schön, dass man von Menschen immer wieder überrascht wird. Diese paar Minuten gleichen alle ausgestreckten Handflächen der letzten Tage aus.

Bis zur spanischen Moschee sind es von dem kleinen Haus aus nur noch ein paar Minuten Fußweg, steil bergan. Als ich mein Ziel erreiche, geht mir mein Fauxpas auf. Die spanische Moschee ist mehr eine Art Kirche, das Minarett mehr ein barocker Kirchturm. Und das Gebäude ist sehr klein. Die Spanier hatten es in den 1920er Jahren errichtet – genutzt wurde es nie. Doch wie so oft bei solchen Unternehmungen ist der Weg das Ziel. Ich bin froh, hier hoch gewandert zu sein. Chefchaouen mit seinen blauen Häusern zu meiner Rechten, das weite Tal inmitten des Riffgebirges mit seinen grünen Berghängen vor mir, Berge zu meiner Linken. Ein spanisches Paar sitzt auf der Mauer neben mir und schweigt. Ich betrachte die beiden. Irgendetwas muss vorgefallen sein, ein Blinder kann die Kluft zwischen ihnen erkennen.

Ich sehe auf das Paar, dann auf die Stadt. Ich versuche, irgendwo in dem Labyrinth der Medina die Dachterrasse unseres Riads auszumachen. Vergeblich. Aber ich weiß, dort hinten liegt es. Dort hinten liegt sie.

Und mit einem Ruck verlasse ich die Aussicht, die Berge, die Kakteen, die Hühner, die Spanische Moschee und gehe, so schnell mich die Füße tragen, zurück in die Medina, zurück zu ihr. Manchmal braucht man Momente der Einsamkeit auf der Reise. Aber jetzt brauche ich sie.

 

   

Eine Antwort

  1. Ohne große Erwartungen hier angeklickt und eben zweimal gelesen. Ich bin sprachlos, warum findet man so eine Geschichte nicht öfters? Die Fotos sind auch wunderbar. Als gebürtige Marokkanerin kann ich vieles, das beschrieben wird, gut nachvollziehen.

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