Weiße Stadt vor hohen Bergen – Arequipa

Weiße Stadt vor hohen Bergen – Arequipa

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Wenn man eine Weltkarte betrachtet, mit ihren bunten Flecken, den aufgedruckten Namen (die oftmals nur aus Abkürzungen bestehen, weil statt eines Luxemburg nur ein Lux drauf passt), den Schraffierungen für Berge und Täler, den blauen Flecken und Linien für Seen und Flüsse, den weißen, roten und gelben Punkten für Siedlungen und Städte – fällt es einem schwer sich klar zu machen, dass in all diesen Punkten zu jedem Moment Leben herrscht. Das macht eine Karte so verrückt. Ein bunter Punkt auf einem Stück Papier ist nur das, ein Punkt auf einem Stück Papier. Anders als eine Stadt. Eine Stadt ist eben nicht gleich eine Stadt. Die Punkte in den Atlanten sind alle gleich, dabei ist eine beliebige Gruppe von Städten genauso unterschiedlich wie ein zusammen gewürfelter Haufen von Menschen. Und dennoch gibt es Punkte, die dank ihres Namens aus diesem vermeintlichen Einheitsbrei hervorstechen. New York. Hongkong. Sydney. Moskau. Nur Punkte auf einer Karte, aber sobald wir sie lesen, diese Namen, beginnen wir, zu assoziieren. Die Freiheitsstatue, einen unübersichtlichen Hafen mit Drachenbooten, ein Opernhaus mit einer berühmten Dachkonstruktion, den Roten Platz. Was das alles mit mir und jetzt zu tun hat? Ich habe niemals Bilder vor meinem geistigen Auge gesehen, wenn ich Arequipa las. Das war extrem ungerecht von mir, denn dieser Punkt im Süden Perus ist mitnichten ein x-beliebiges Städtchen.

Arequipa, die weiße Stadt, verdankt ihren Beinamen den unzähligen weißen Kolonialbauten, die aus vulkanischem Gestein errichtet wurden. Wenn die Sonne scheint, geht ein regelrechter Glanz – ein Strahlen – von der Innenstadt aus. Mit kolonialen Kirchen, Klosterstätten und ihren Universitäten besteht eigentlich immer die Gefahr, dass die Stadt zum reinen Touristenanziehungspunkt, zu einem Abklatsch, verkommt. Aber das ist sie nie, jedenfalls nicht jetzt, als ich hier bin. Der weiße Glanz, der über allem liegt, ist nie anbiedernd und nie herausgeputzt, sondern er passt einfach haargenau zum Ganzen.

Das wird mir bereits auf meiner Taxifahrt vom Busbahnhof ins Zentrum klar. An der Plaza de Armas, dessen Kopfende die Kathedrale von Arequipa ziert, tummeln sich an diesem Samstagabend Heerscharen von Einheimischen, Touristen und Weihnachtseinkäufern vor den künstlich installierten Weihnachtsbäumen. Es ist ein verrücktes Bild: Im Hintergrund der Sonnenuntergang, Palmen vor den weißen Bauten rund um den Platz, aber mittendrin, vor der Kirche, eine Art Weihnachtsbasar und auch ein alter Mann, der mit weißem Rauschebart und rotem Mantel kleinere Kinder für Fotos auf den Schoß nimmt. Auch in Peru ist er längst angekommen. Die Suche nach einer Unterkunft beweist eindeutig, dass die Feiertage vor der Tür stehen. In den ersten drei Hostels oder Hotels ist kein einziges Bett mehr frei, in den nächsten drei Häusern verlangen die Leute an der Rezeption ein kleines Vermögen, damit ich mir mit fünf anderen Backpackern ein Zimmer teilen darf. Ich suche weiter. Schließlich beziehe ich ein Zimmer in einem kleinen, unscheinbaren Hotel an der Rivero, einer vielbefahrenen Einbahnstraße in der Nähe des Zentrums. Mein Raum liegt im Erdgeschoss, nur durch zwei Holzläden vom Bürgersteig und der dauernd befahrenen Straße getrennt. Es ist so laut, dass ich selbst mit Ohrstöpseln in der ersten Nacht Probleme habe, einzuschlafen. Irgendwann übermannt dann doch die Müdigkeit. Mein erster Erkundungsgang am Sonntagmorgen führt mir die Schönheit Arequipas bei strahlendem Sonnenschein vor Augen. Das Zentrum ist umgeben von Einbahnstraßen, die oftmals kopfsteingepflastert sind. Mitten in der Stadt, komplett von einer Mauer umgeben und abgeschirmt, steht das Monasterio de Santa Catalina. Durch die Trennung von den umgebenden Straßen wirkt dieser Klosterkomplex nahezu wie eine Stadt in der Stadt. Dies erkenne ich am besten, als ich bei meinem Frühstück auf einer Dachterrasse einen Blick von oben auf das Zentrum werfe. Es sieht faszinierend aus, wie die Stadt fast komplett in weiß unter mir zum Leben erwacht. In der Ferne ragt der Vulkan auf, dem die Bauten Arequipas ihre charakteristische Farbe verdanken. Der perfekt als Kegel geformte, 5.800 Meter hohe El Misti.

Bis zum Mittag bin ich kreuz und quer durch die schmalen Straßen der Innenstadt gelaufen. Nun aber legt die Hitze mächtig zu, so dass ich mir ein kühleres Plätzchen suche. Da kommt mir das Museo Santury gerade recht. In diesem von der katholischen Universität Santa Maria betriebenen Museum gibt es etwas zu sehen, dass einen im wahrsten Sinne des Wortes frösteln lässt. Hier ruht – in einer Art modernem Kühlschrank, von allen vier Seiten mit Glasscheiben umfasst – Juanita, die Eisprinzessin. Was sich romantisch anhört, ist in Wahrheit eine archäologische Sensation. Im Jahr 1995 begab sich eine Gruppe von Archäologen unter der Führung des US-Amerikaners Johan Reinhard hinauf auf den Ampato-Gipfel, nicht weit von Arequipa entfernt. Auf der Suche nach Überresten der Inka-Kultur stießen die Wissenschaftler auch auf einen in gedrungener, sitzender Position sehr gut erhaltenen Mädchenkörper. Fortan bezeichnete man diese Mumie als Juanita. Das Inka-Mädchen wurde etwa vor 500 Jahren von Stammesmitgliedern zu Ehren der Götter des Ampato durch einen Schlag auf den Hinterkopf getötet. Durch die über Jahrhunderte andauernde Konservierung im Eis ist die Mumie bis heute erstaunlich gut erhalten. In gekrümmter Position kauert sie nun vor mir in ihrem Glaskasten, man erkennt die Fingernägel, die Haut, die Zähne. Selbst die Haare wirken nahezu lebendig. Minutenlang stehe ich vor den Überresten dieses Mädchens, das vor einem halben Jahrtausend den Inka-Göttern geopfert wurde und kann meinen Blick kaum lösen. Wie mag sie sich gefühlt haben, bevor es passierte? Hatte sie Angst? Glaubte sie wirklich, aufrichtig daran, durch die Nähe zu den Göttern dank eines Schlags auf den Hinterkopf selbst zu den Göttern emporzusteigen? Oder hatte sie mit ihren gerade einmal vierzehn Jahren anderes im Kopf? Wie hat ihr (kurzes) Lebens ausgesehen?

In der Nähe von Arequipa gibt es noch eine Besonderheit, von deren Existenz ich niemals etwas gehört hatte. Der zweittiefste Canon der Welt. Mit einiger Verspätung sammelt mich am darauffolgenden Mittwoch – um 4 Uhr in der Früh – ein Minibus vor meinem Hotel auf. Gemeinsam mit einigen anderen Backpackern aus aller Welt geht es nun auf einer dreistündigen Fahrt in Richtung Cañón del Colca. An diesem Ort hat sich der Río Colca über Jahrmillionen seinen Weg gebahnt, und das Gestein immer weiter abgetragen, bis auf eine Tiefe von über 3.000 Metern. Damit ist diese Schlucht mehr als doppelt so tief wie der Grand Canyon in Colorado. Neben dieser imposanten Größe ist der Canyon im Nordwesten Arequipas noch für etwas anderes berühmt: Nirgendwo sonst in Südamerika lassen sich die Andenkondore so gut beobachten wie hier. Wenn man denn ein wenig Glück hat.

Kondore können wir nicht erspähen, als uns Victor empfängt. Er ist unser Führer für die nächsten zwei Tage. Zu meiner Gruppe gehören drei Studenten aus Sao Paulo in Brasilien und Ryan, ein junger US-Amerikaner aus Baltimore. Victor erklärt uns den Plan für die beiden Tage. Wir werden langsam hinab bis zum Río Colca steigen, dessen Lauf bis zu einer Art Camp mit Holzhütten folgen, um dort zu übernachten. Morgen früh werden wir dann pünktlich zum Sonnenaufgang wieder aus dem Canyon emporwandern, und dabei in einem Stück mehr als 1.200 Höhenmeter überwinden. Heute geht es erstmal immer weiter bergab. Kurz nach Mittag erreichen wir den Río Colca und wandern an ihm entlang bis zu einem Ort, der mit seinen grünen Bäumen und der Lage am rauschenden Fluss inmitten der Felslandschaft rundherum wie eine Oase wirkt. Hier essen wir Alpakafleisch zu Mittag. Die Brasilianer erzählen Ryan und mir die merkwürdigsten Geschichten und Gewohnheiten ihrer Heimat, der Zwanzig-Millionen-Metropole Sao Paulo. Der Krach und die Verkehrsplagen, von denen sie berichten, scheinen nirgendwo unvorstellbarer als an diesem ruhigen Plätzchen. Im Schatten einer großen Kakteengruppe am Rande des Dorfes liegen wir auf knallgrünem Gras und ruhen uns aus, bevor es unter der Führung von Victor dem Flussverlauf folgend durch den Canyon weiter geht.

Die Landschaft einer solch tiefen Schlucht bringt durch ihre Trennung von der Umwelt jenseits des Felsmassivs ganz eigene Farben und Formen hervor. Exotische Orchideen wachsen direkt an kleinen, in Terrassenstufen angelegten Weidegründen, auf denen Esel und Maultiere fressen. Wie in allen Bergregionen stellt das Muli auch für die Bewohner des Cañón del Colca das wichtigste und zuverlässigste Nutztier von allen dar. Mit der Hilfe ihrer Maultiere schaffen die Einwohner sämtliche Waren in die Schlucht hinein. Bedenkt man die dünne Luft und die in den Sommermonaten enorme Hitze an diesem Ort, ist es umso erstaunlicher, mit welch stoischem Tempo die Maultiere in wenigen Minuten Höhenunterschiede zurücklegen, für die ein normal trainierter Mensch eine Stunde brauchen würde. Nach einer langen Wanderung bergauf und bergab erreichen wir am späten Nachmittag unser Quartier für die Nacht. Nahe einem Wasserfall stehen viele, kleine Steinhäuser mit je zwei Betten. Es gibt kein elektrisches Licht, dafür aber eine unbeschreibliche Ruhe in der Nacht. Ich teile mir mit Ryan ein Zimmer. Es ist stockfinster und mucksmäuschenstill. So schlafen wir innerhalb weniger Minuten ein.

Die Finsternis und die Stille umgeben uns auch um fünf Uhr morgens, als wir gemeinsam mit Victor und den Brasilianern ein Frühstück aus Bananen und Haferflocken zu uns nehmen. So viel steht fest, der Anstieg wird uns einiges abverlangen. Victor verrät uns: „Der Rekord eines Touristen liegt bislang bei zwei Stunden. Wer weiß, vielleicht knackt einer von euch beiden diese Bestmarke? Wir sehen uns oben an der Felskante. Wartet dort, bis alle aus unserer Gruppe es geschafft haben.”

Dann geht es los. Ryan und ich gehen den von Kakteen umrankten Pfad entlang, hinaus aus der Oase, die uns für diese Nacht beherbergte. Kaum haben wir sie verlassen, beginnt der Wanderweg seinen steilen Anstieg, genau als die Dämmerung erstes Licht in den Canyon wirft.

„Hier wird nicht lange gefackelt“, sagt Ryan lachend. „Es geht gleich richtig los.“

„Irgendwie fair“, antworte ich. „Was soll man auch lange darauf warten? Irgendwie müssen wir da hoch.“

 

Wo liegt denn das Problem, einen Canyon vom Grund auf wieder hinauf bis zur normalen Umgebungshöhe zu erklimmen? Nun, das Problem liegt beim Cañón del Colca an der exakten Höhe, die man überwinden muss. An diesem Punkt schlängelt sich der Pfad, wie bereits erwähnt, 1.200 Meter hinauf. Das ist eine ganze Menge. Das nächste Problem betrifft die Anordnung des Weges. Es gibt keine einzige Möglichkeit einer echten Verschnaufpause, es geht nicht irgendwann einmal kurz eben voran oder gar bergab. Der Weg schlängelt sich ununterbrochen bergauf, und das mit teilweise extremer Steigung. Man nehme die dünne Höhenluft auf über 3.000 Metern hinzu, und siehe da, man steht vor einer echten Herausforderung, um aus dieser Schlucht aus eigener Kraft wieder hinaufzusteigen. Zu Beginn kommen Ryan und ich allerdings noch gut voran, wir unterhalten uns und lenken uns dadurch ab. Aber nach etwa zwanzig Minuten werden meine Oberschenkel schwer, das Atmen erfordert vollste Aufmerksamkeit und deswegen kann ich auf Ryans Fragen nur noch antworten, indem ich viel Kraft für das Sprechen aufwende. Kraft, die ich eigentlich nur für mein Atmen bräuchte. Ryan ist fünf Jahre jünger als ich und gut in Form. Er kommt eindeutig viel schneller vorwärts, und das sollte er auch nutzen.

„Ryan“, keuche ich, „weißt du was? Ich würde gern Gesellschaft bis zum Gipfel haben. Aber du musst jetzt schon auf mich warten. Geh du vor, wir sehen uns oben.“

„Bist du sicher?“

„Ja. Geh dein eigenes Tempo, sonst kommen wir beide aus dem Rhythmus. Du müsstest langsamer machen, ich aber zu schnell, damit ich dich nicht warten lasse. Also geh.“

Ryan nickt und geht sein eigenes Tempo. Nach nur wenigen Kurven der Serpentinen kann ich ihn nicht mehr erblicken, sein Tempo ist tatsächlich nochmals um einiges höher, als ich es bislang eingeschätzt hatte.

So steige ich nun allein den Weg hinauf. Die Sonne geht auf und die enorme Anstrengung wird durch den Anblick der in Gold- und Rottönen glühenden Felsen des Canyons ein wenig wettgemacht. Ab und an überholen mich einige sportliche Wanderer oder Einheimische, die allesamt irgendwelche Waren auf Maultieren den Berg hinauf transportieren. Von Zeit zu Zeit bin ich es, der andere Touristen, die noch früher als unsere Gruppe gestartet waren, überholt. Nach einiger Zeit bleibe ich in einer Kurve stehen, um ein wenig zu verschnaufen. Ich esse eine Banane und in der Ferne erkenne ich einen irrwitzig großen Vogel, der im Steilflug in Richtung eines Felsvorsprungs stürzt. Es ist ein Kondor. Mit bis zu drei Metern Flügelspannweite und einer maximalen Flughöhe von achttausend Metern gehören die Kondore zu den unbestrittenen Königen der Luft. Interessanterweise zählen sie nicht zu den Raubvögeln, sondern ernähren sich ausschließlich von Aas. Insofern bietet der Canyon für sie einen optimalen Lebensraum, da sie in den zahlreichen Senken und auf den Hängen relativ leicht verendete Tiere sichten können. Der Kondor, den ich jetzt sehe, setzt sich ungefähr zweihundert Meter entfernt auf einen Felsvorsprung und blickt sich langsam um. Vielleicht ist er auch irritiert von all den untrainierten Touristen da hinten, die blöd genug waren, in einen Canyon hinabzusteigen ohne sich groß darüber Gedanken zu machen, dass man da ja auch wieder heraus steigen muss.

Mit Hilfe der Musik kämpfe ich mich höher und höher. Aber ich bin am Limit. Meine Malaria, die ich mir in Bolivien eingefangen habe, ist noch lange nicht ganz ausgeheilt, und kein Arzt der Welt würde mir empfehlen, das zu tun, was ich gerade tue. Die letzten Kurven tun nochmals richtig weh, da ich völlig außer Atem bin und es in den Oberschenkeln brennt. Dann aber ist es geschafft. Oben sitzt Ryan an eine Mauer gelehnt neben einer älteren Einheimischen, die dort einen Stand für die Ankömmlinge bereithält, an dem sie Getränke, Obst und Schokoriegel verkauft. Ryan grinst mich an.

„Du siehst erledigt aus.“

„Ja.“

Ich sehe auf die Digitaluhr meines Handys. Ziemlich genau drei Stunden habe ich gebraucht, es ist kurz vor acht Uhr morgens.

„Wann warst du oben?“

„In zwei Stunden und fünfzehn Minuten. Den Rekord knapp verpasst“, lacht er.

Wir gehen aufeinander zu und schlagen mit einander ab wie zwei Sportler, die das Spiel ihres Lebens geliefert haben. Egal, wie erschöpft ich mich fühle. Es ist überstanden.

   

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