Afrikas Haustür – Tanger

Afrikas Haustür – Tanger

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Die Generation der 68er glaubte tatsächlich noch daran, dass sie die Welt zu einem besseren Ort machen konnten. Dass es eine Art Erfüllung der Welt geben könnte – eine perfekte Welt voller Frieden, Ideale und einer sorgenlosen Zukunft. Heute wissen wir dank der modernen Wissenschaft, dass unsere Sonne eines Tages explodieren und unsere Erde einfach verglühen wird. Es soll laut Berechnungen vielleicht in so etwa drei oder vier Milliarden Jahren geschehen. Aber das ist nicht der Punkt – Zeit spielt dabei keine wesentliche Rolle – es wird passieren.  Es ist demnach unausweichlich, und weil die Erde eines Tages ohnehin dem Untergang geweiht ist, welchen Sinn sollte es dann haben, sich unsterblich machen zu wollen? Oder unvergesslich? Egal, wie groß und wie gut konstruiert eine Statue gebaut werden kann, eines Tages wird sie verglühen. Das hat etwas extrem Beruhigendes und führt dazu, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen.

In Afrika haben sie den Satz: „Ihr habt die Uhr, wir haben die Zeit.“ Es soll hier nicht um Philosophie oder um das Bruttosozialprodukt eines mittelafrikanischen Landes gehen, dass irgendwelche Politologen mit dieser Einstellung der Menschen vor Ort in Bezug setzen. Sondern darum, inwieweit Pläne überhaupt Sinn machen, wenn wir doch nicht wissen, was morgen passiert. Hier gehört ein Punkt hin – kein Fragezeichen. Denn dieser Satz ist nicht widerlegbar.

Afrika ist in so vielerlei Hinsicht mit (negativen) Schlagworten überzogen, dass es für viele kein Sehnsuchtsort sein dürfte. Ich sehe das ein wenig anders. Einst, als die Menschen noch nicht wussten, was sie heute wissen, war Gibraltar das Non plus ultra der bekannten Welt. Non plus ultra bedeutet „Nicht darüber hinaus“. Angeblich findet man diese Inschrift auf den Säulen des Herkules, eine der beiden steht der Legende nach auf dem Felsen von Gibraltar, die andere auf dem Berg Dschebel Musa auf der marokkanischen Seite. Die Meerenge von Gibraltar trennt Welten, so ist es bis heute geblieben, und mehr denn je drängen die Massen der einen Seite hinüber in die andere, heilversprechende neue Welt des Nordens. Wir hingegen, die wir nur den Norden und das angepasste, bereits verblichene Leben des reinen Konsums kennen, drängen genau in die entgegengesetzte Richtung. Steht man an der Straße von Gibraltar, sieht man Afrika mit bloßem Auge. Und die Sehnsucht ist zu groß, diesen Kontinent endlich einmal zu betreten. Tanger, das ist das Tor zu Afrika, und zugleich ist es das Tor zur arabischen Welt, die hier, an der Atlantikküste, ihren langen Weg quer durch Asien im fernen Osten, über die arabische Halbinsel und den nordafrikanischen Kontinent, beendet. So prallen nicht nur zwei, sondern gleich drei Welten in einer Stadt zusammen. Europa trifft Afrika trifft Arabien – und diese Mischung ist zugleich attraktiv als auch potenziell explosiv.

Wir kommen mit dem Bus, nicht mit dem Schiff. Wir haben Marokko bereits betreten, bevor wir den Zipfel im Norden besuchen. Die weiße Stadt auf der grünen Kante Afrikas wird größer, die Konturen der Dächer schälen sich heraus, rechts von uns das Meer und dahinter, im Dunst, die spanische Küste. Das Adlernest der Medina, wo sich auch die Kasbah befindet, ist unser Ziel. Der Taxifahrer weiß nicht so genau, welches Tor wir meinen. Dabei ist “Tor zur Kasbah” doch recht präzise, meinen wir. Es hilft alles nichts. Die letzten fünfhundert Meter heißt es marschieren, mit den Rucksäcken den steilen Hügel zur Kasbah, der durch Festungsmauern geschützten alten Stadt, hinauf. Manche Orte muss man sich wohl verdienen. Und sei es körperlich.

Tanger packt einen sofort an der Kehle. Die Gerüche intensiv, die guten wie die bösen. Gewürze, angebratene Fleischmassen, Feinstaub der Baustellen, Pisse. Eine geheimnisvolle, helle – und doch irgendwie unheimliche Stadt. So viele kamen hier einst an, um den schwarzen Kontinent zu betreten. Es kamen auch die Künstler und Verrückten, die Hippies und die Kiffer, die Depressiven, Suchenden und die genialen Verlierer. Die Ausstrahlung von Tanger reichte bis in die neue Welt, bis zu Allen Ginsberg, Jack Kerouac und William S. Burroughs.

Abends, als sich die Dunkelheit mit der Geschwindigkeit des Südens über dem Häusermeer hinablegt, sitze ich vor einem der Cafés am Grand Socco, unterhalb der Kasbah. Nur Männer sitzen hier, Frauen wandeln höchstens in Begleitung ihres Mannes, Bruders, Vaters oder in Begleitung anderer Frauen vorüber. Niemals allein, keine sitzt hier. Der Mann neben mir pfeift, zwinkert, ruft ihnen auf arabisch garantiert nicht ganz saubere Anmachen zu. Ich nippe an meinem Krauseminztee, rauche und unsere Blicke treffen sich. Der Mann grinst mir vertraulich zu und zwinkert. Als wäre ich sein Komplize, schließlich bin ich doch auch ein Mann, und dazu noch jemand aus dem weit entfernten, so liberalen Norden. Mir gehen Bilder durch den Kopf, die vor kurzem auf YouTube aus Kairo zu sehen waren. Eine Reporterin wurde vor laufenden Kameras bedrängt, angefasst und schließlich beleidigt. Dieser Widersinn ist es, der mich auch jetzt an Ort und Stelle überfordert. Die Männer hier sind begierig und wollen die Frauen sehen, sie wollen sie haben, möglichst viel von ihnen besitzen, und das offengelegt . Zeigt sich aber dann eine Frau so offen, wie sie es sich insgeheim wünschen, wird diese als Hure, als Schande, als Schlampe oder gottlos beschimpft – oder gar verstoßen. Dieses Zusammenleben zwischen jenen, die durchaus mehr Liberalität fordern würden und denen, die auf die alten Werte – notfalls auch mit körperlicher Gewalt – beharren, birgt ebenso viel Konfliktpotenzial innerhalb dieser Gesellschaften mit sich wie zwischen diesem Konstrukt und dem Westen. Tanger steckt voller Widersprüche, so viele Lebens- und Denkweisen treffen hier aufeinander.

Der Einfallswinkel des Lichts am Morgen lässt die Hormone durchdrehen. Ein sanftes, und doch sattes, helles und doch nicht grelles Licht ist es, das uns dieses Frühstück noch mehr versüßt als die frischen Granatäpfel, der Kuchen oder der Pistazienjoghurt. Und später geht es dann in die winzigen Gassen dieser Stadt, in der man drei Charaktere sehen, hören und riechen kann: Südeuropa, Arabien und Afrika.

   

 

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