Weltwunder von Gizeh

Weltwunder von Gizeh

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Seit Jahren gibt es irgendwie keine Superlative mehr. So kommt es mir jedenfalls vor. In den sozialen Netzen und auch in der Werbung wird jeder zweite Post und jedes zweite Produkt mit dem Zusatz-Hinweis “größte/beste/schnellste aller Zeiten” gehuldigt. Jaja, alles ist das jemals Beste und Tollste. Nur damit verliert diese Wertung eben ihren Wert. Und mit der Zeit stumpfe ich mehr und mehr ab und konzentriere mich auf andere Werte, vielleicht mit ein wenig Bescheidenheit. Oder Demut.

Bescheidenheit und Demut sind allerdings nicht die ersten Assoziationen, als ich zum ersten Mal vor den Pyramiden von Gizeh stehe. Das einzige verbliebene Weltwunder der Antike. Etwa 2500 v. Christus wurden diese Bauwerke fertig gestellt, seither überdauern sie demnach über 4500 Jahre. Das sind immerhin 54000 Monate oder auch 1,64 Millionen Tage. Bla Bla Bla. Eine solche Zeitordnung übersteigt mein Denken und mein Verständnis, es fällt aus jeder mir bekannten Ordnung. Genau an diesem Punkt kommt mir dann zum ersten Mal seit langem wieder ein Superlativ über die Lippen. “Es ist ein Wunder”, sage ich laut zu meiner Begleitung und sofort sind mir meine Worte peinlich. Doch als wir uns der Chephren-Pyramide und danach der Sphinx nähern, verschwindet dieses peinliche Berührtsein sofort.

Letztlich ist es absolut logisch, absolut banal. Menschen habe eine Unmenge Steine aufgetürmt und diese Steinmassen überdauern nun bereits über 40 Jahrhunderte. Natürlich ist das Blödsinn: Die alten Ägypter haben mehr getan, als das. Diese Steine wurden nicht wahllos auf einen Haufen gelegt und nach tausend Jahren hieß es: “Huch, schau mal, da ist eine Pyramide draus geworden. Krass.” Berechnungen, Planungen, komplizierteste architektonische Vorarbeiten mussten geleistet werden. Es übersteigt mein Fassungsvermögen, diese Leistung auch nur annähernd genug zu würdigen.
Diese Wucht und diese Ausmaße lassen mich auch noch heute an diejenigen denken, für die eine solche Machtdemonstration gedacht war.

Das Andenken an die Pharaonen, die schiere Gottheit und der Einfluss, sind in diesem Augenblick physisch zu spüren. Durch Jahrtausende hindurch lagern diese Steine auf diesem Plateau, Sonne, Sand und Wind ausgesetzt, tausendfach gealtert, und doch so mächtig und stabil, dass sie uns alle für weitere Jahrtausende überdauern werden. Wir umwandern die Cheops-Pyramide, die einzelnen Steine sind so hoch wie ein ausgewachsener Mann. Wieviel Kraft, wie viele Menschenleben, wieviel Zeit mag verstrichen sein, bis die alten Ägypter den letzten Stein auf die Spitze legten und den Sarkophag endgültig verschlossen? Die Kamelreiter, die uns umkreisen und auf der Suche nach Kundschaft auch uns ansprechen, fallen plötzlich auf taube Ohren. Für einen Moment sind wir aus der Gegenwart gefallen und können nur schauen, nicht sprechen.

Was spricht, sind die Steine. Der Gedanke hat nichts schizophrenes, es hat nichts mit Begeisterung für Geschichte zu tun, man reflektiert nicht. Es genügt, hier zu stehen und das Gestein zu betrachten, es dann anzufassen und zu wissen, dass diese Steine vor all diesen tausend Jahren von anderen, längst aufgelösten menschlichen Händen in Form gebracht wurden, in Form gemeißelt wurden, transportiert wurden und schließlich an den genau hierfür vorgesehenen Platz geschoben wurden. Ich fasse die Steine an, ich fühle sie und fühle mich mit all diesen Händen und all jenen Menschen verbunden.

Das ist nicht weniger als ein Wunder.

   

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