Wo Europa aufhört

Wo Europa aufhört

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An einem Sonntag begann es zu regnen. Am Kreisverkehr in Ivalo drei Richtungen auf angerosteten Schildern. Murmansk 305 km, zeigte mir das Schild nach rechts an. Die Straßen waren an diesem Tag voll von russischen Kleinwagen, in denen ältere Männer zum Fischen über die Grenze gekommen waren. Links ging es zum örtlichen Krankenhaus. Ich war kurz geneigt, wieder umzudrehen und zurück in mein wohnliches Hotelbett zu kriechen – fuhr aber dann doch geradewegs Richtung Norden. Ich hatte schwere Beine und war noch müde, ein wenig Reiseblues steckte mir ebenfalls in den Knochen.

Auf langen Autofahrten, die man allein verbringt, beginnt der Verstand irgendwann zu driften. Man fährt, das monotone Summen des Fahrzeugs und der Asphalt, der sich unter einem hinwegschält, lullen ein und bringen einen auf Bilder, Gedanken und Erinnerungen. Warum war ich denn nun schon wieder so weit weg von allem? Kurz vor der norwegischen Grenze im äußersten Nordosten Finnlands – und alles nur, damit ich die Barents See erreichen könnte. Und damit das Ende des europäischen Kontinents. Roland, dachte ich plötzlich. Roland hätte mich verstanden.

 

Ich hatte mal einen Freund namens Roland. Roland war das, was heute als typischer Naturbursche durchgehen würde. Bärtiges Gesicht, Oberschenkel so groß wie Wassermelonen, im Winter selbst Holz hackend, um das Feuer des Kamins zu schüren. Kurzärmelige karierte Hemden. Eines Tages waren Roland und ich auf eine Wanderung aufgebrochen. Nichts Besonderes, in einem Wald in der niedersächsischen Provinz. Wir waren für ungefähr eine Stunde gegangen, als Roland und ich Rast machten. Auf einem Baumstamm sitzend aßen wir unsere mitgebrachten Brote und tranken Tee aus einer Thermoskanne.

„Wenn wir jetzt einfach weitergehen – in die Richtung“, Roland zeigte kauend eine Senke hinab, „dann kommen wir irgendwann nach Holland.“

„Aber dort kommen wir nicht weiter“, sagte ich. „Da kommt dann die Grenze.“

„Dort gibt es keine Grenze. Nur in deinem Kopf.“

Ich dachte nach.

„Aber doch bleibt es ein anderes Land“, antwortete ich. „Merkwürdig, nicht wahr? Man geht und geht und auf einmal, nur weil dort eine unsichtbare Linie verläuft, gehören die Bäume und die Vögel und der Boden nicht mehr zu dem Land, in dem wir geboren wurden. Sondern werden von einem König oder so regiert, und der erstbeste Bauer oder Wanderer, den man trifft, spricht eine völlig andere Sprache.“

Wir schwiegen. Schließlich sagte Roland: „Im Grunde gibt es diese Grenzen trotzdem nicht. Die einzigen wahren Grenzen sind die, an denen die Länder aufhören. Am Rand der Wüste. Oder an den Küsten.“

Wir schwiegen und gingen schließlich weiter. Wir nahmen nicht die Senke, die uns in Richtung Niederlande geleitet hätte.

Roland und ich sahen uns wenig später immer seltener und schließlich überhaupt nicht mehr. Erst über einen Schulfreund erfuhr ich, dass er zu Fuß in Richtung Osten aufgebrochen war. Er wollte durch Russland und die unendlichen Flächen Sibiriens bis nach China gehen. Ein Jahr später las ich durch Zufall in der Zeitung seine Todesanzeige. Eine andere Grenze, die er überschritten hatte.

 

Der Gegenentwurf von Roland waren so viele frühere Schulgefährten und Nachbarn, die in ihrem Leben einen Radius von 100 Kilometern um ihren Geburtsort zogen und diesen Kreis dann nie mehr richtig verlassen wollten. Vielleicht war mein Aufbruch – neben aller Neugier und inneren Unruhe – auch ein wenig Protest gegen all diese Leute. Wie konnten die nicht erkennen, dass unser Leben endlich ist und man die Zeit nutzen sollte, um die Welt zu sehen? Ich nahm mir vor, Grenzen zu überschreiten und natürliche Grenzen zu erreichen.

Ein dunkler Fleck auf der Straße vor mir katapultierte mich ins Hier und Jetzt zurück. Ich bremste scharf. Zwei Rentiere, mitten auf dem Weg. Langsam trotteten sie zur Seite. Das Ende Europas, gibt es das überhaupt? Hier und heute, da ich auf dieser abgelegenen Straße war und die beiden Tiere links von mir langsam zwischen den Nadelbäumen verschwanden, fiel es mir nicht schwer, das zu glauben. Die vielen Menschen, Städte, das Gewusel aus politischen Entscheidungen, Missverständnissen, neuen Zerreißproben und wieder erstarkten Grenzen schien hier oben weit, sehr weit weg. Ich fuhr weiter. Langsam wich die Müdigkeit der Aufregung, an einem so abgelegenen Fleckchen Erde zu sein. Die Wolken, die über den Wäldern und Seen hingen, waren surreale, aufgeblähte Luftgebilde, Geschwader, die über mich hinweg zogen. Es waren kaum andere Autos unterwegs, alle Viertelstunde begegnete ich einem Wagen mit finnischem, norwegischem oder russischem Kennzeichen. Grenzen, dachte ich erneut, Grenzen sind eine komische Erfindung.

 

Früher konnten die Sami hier umherziehen, ohne sich um Grenzen zu kümmern, die eigentlichen Bewohner dieser Region – Nomaden des äußersten Nordens. Seit ich in Lappland angekommen war, hatte ich versucht, möglichst viel über diese Menschen in Erfahrung zu bringen, bevor sich am Ende herausstellte, dass sie inzwischen sesshaft und längst nicht mehr in Traditionen verhaftet sind. Nahezu alle Rentiere, die sich in diesen Landstreifen frei bewegen, haben im Ohr oder um den Hals einen Chip angebracht. Über GPS verfolgen die jeweiligen Besitzer die Bewegungen ihrer Herden. So geht kein Tier mehr verloren und kurz vor Wintereinbruch macht es das Zusammentreiben deutlich einfacher als früher.

Die Linien auf meiner Karte gaben an, wo in dieser Unermesslichkeit das eine Land anfängt und das andere aufhört, Russland, Finnland, Norwegen. Betrachtete ich die Karte näher, wurde mir das Ausmaß dieses letzten Zipfels Europas im hohen Norden bewusst. Ab und an Punkte mit Namen: Tromsø, Nordkap, Kirkenes, Murmansk. Weit voneinander entfernte Punkte in einer Unendlichkeit von Land, Buchten, Fjorden, Inseln und Seen. Am verlockendsten in all dem sind stets die Flecken auf der Karte, die unerreichbar sind, grüne und graue Flächen, die nicht bewohnten Landschaften. Unerreichbar und dennoch echt – kartiert, vermessen und zu den Akten gelegt.

Die nächste Grenze. Einige Kameras an Stahlmasten, links und rechts der Straße ein Zaun und zwei Schilder. Nun verließ ich Finnland und war in Norwegen. So leicht ist das also, ging es mir durch den Kopf. Roland hatte wohl doch Recht gehabt. Ich bog nach wenigen Kilometern links ab und kam an einem Wasserfall vorbei, der das eisig blaue Wasser mit brachialer Gewalt unter einer Brücke hindurch schoss. War es nur Einbildung, oder nahm die Landschaft hier sehr schnell andere Formen an, als ich es aus den letzten Tagen gewohnt war? In Finnland dominieren Wälder und Seen, hier aber erstreckten sich am Horizont zu meiner Linken abgerundete Felsen und grün bewachsene Berge, die an schottische Highlands denken ließen. Die Fläche davor grüne Moose und kleine Wasserflächen, die sich durch den Regen gebildet hatten. Nach einer weiteren Stunde bog ich rechts ab und schließlich erreichte ich das Meer. Das war sie also, die Barents See. Das Ende des europäischen Kontinents, nördlich gab es noch Spitzbergen und schließlich das Polarmeer und den Nordpol. Das Wasser hatte ich grau und abweisend erwartet, aber trotz des spärlichen Lichts, das durch die vielen Wolken fiel, schimmerte das Meer in matten Blau- und Grüntönen.

Ich fuhr weitere und erreichte am Ende dieser Straße den Ort Bugøynes. Die letzte Bastion an der eisigen Küste, östlich von hier bereits russische Hoheitsgewässer. Mag dieser entlegene Teil der Erde auch weit weg scheinen, so ist er doch seit Jahrzehnten von den Anrainerstaaten hart umkämpft. Der Ozean nördlich dieser Küste ist eine Gas- und Ölgegend, eine Quelle des immensen Reichtums von Norwegen. Auch der große Riese auf der anderen Grenzseite hat seinen Claim abgesteckt und versucht weiterhin, das Einflussgebiet auszubauen, nennt man es nun Putin, Gazprom oder wie auch immer.

Es gibt nur wenige Straßen hier oben, frontier würden Amerikaner dazu sagen, Grenzgebiet, Abenteuerland. Und Bugøynes als eines der Sammelbecken für die hiesigen Bewohner.  Die gesplitterte Straße war von dicken Laternen gesäumt, die hier sechs Monate des Jahres oftmals die einzige Lichtquelle in der dauernden Dunkelheit sind. Über den Holzbauten, der kleinen Kirche und den trist im Wasser liegenden Fischkuttern hing eine Beklommenheit und Melancholie, aber auch eine Ablehnung, als müsste man, um hier leben zu können, besser zur Landschaft und zu den Bedingungen passen. Ich aber war nur ein Reisender in einem roten Mietwagen: gewogen und für diese Art von Leben für zu leicht befunden.

Das Thermometer in meinem Toyota zeigte 11°C+, es war Anfang August. Mittagszeit. Dieses kleine Detail verriet schon allerhand über die Verhältnisse an diesem Ort: Keine Zeit zum Spaßen, Gefangene werden nicht gemacht. Von Januar bis Ende März, wenn es selbst zur Mittagszeit kaum mehr hell wird, fällt die Temperatur unter -40°C und weniger. Hier endet dann alle Romantik und Sehnsucht nach den Grenzen unseres Kontinents.

Ich saß mit einem Brot und einem Kaffee aus der Thermoskanne im Auto, blickte auf das Wasser dieses nordischen Meeres und fühlte mich an eine andere Rast, vor vielen, vielen Jahren in jenem fernen Wald in der Heimat zurückversetzt.

„Die einzigen wahren Grenzen sind die, an denen die Länder aufhören“, hatte er gesagt. Ich hatte eine weitere dieser Grenzen erreicht.

So viel stand fest.

   

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