Schiffbruch in Helsinki

Schiffbruch in Helsinki

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Manchmal gibt es auf Reisen nichts Besseres als eine kleine Katastrophe. Zugegeben, ein geplatzter Reifen, eine Lebensmittelvergiftung oder ein verlorengegangener Koffer nerven in dem Augenblick erstmal ohne Ende. Im Nachhinein geben sie der ganzen Geschichte aber die richtige Würze, das, was hängen bleibt. Und das ist doch auch schon viel wert, oder nicht?

 

Helsinki ist nun beileibe nicht öde. Ich hatte zuvor bereits die anderen skandinavischen Hauptstädte besucht und – warum auch immer – relativ wenig von Helsinki erwartet. Dann aber verlasse ich früh morgens meine Absteige in der Hietamiemenkatu und spaziere durch sonnendurchflutete Straßen, vorbei an mal russisch, mal nordisch angehauchten Prachtbauten, modernen Einkaufszentren und urigen Restaurants und Kneipen. Es gibt nicht viel, das ich mir für heute vorgenommen habe, ich habe keine “Must-Sees” oder irgendwelche Pläne, was diese Stadt betrifft. Das Schöne daran, ohne Erwartungen irgendwo auf Erkundungstour zu gehen, ist, dass man etwas geschenkt bekommt, etwas, das einen positiv überraschen wird.

Da ist dann zum Beispiel die Tuormiokirkko, die weiße Prachtkirche von Helsinki. Auf der langen Treppe vor dem wunderbaren Kuppelbau tummeln sich einige Reisegruppen, größtenteils aus China und Japan. Die Leute wuseln herum und vergleichen die Realität schnell mit dem Abgedruckten in ihrem Reiseführer. Ich weiß von nichts, außer, dass mir dieses Gebäude sehr gefällt und wunderbar zu der Mischung aus nordischem und russischem Flair passt, der diese Stadt überall ein wenig überlagert. Machmal ist es herrlich, ohne Wissenshunger, sondern nur naiv schauend, auf Sightseeing zu gehen.

Als ich mich dem Hafen nähere, zieht mich ein spontaner Impuls plötzlich auf das Wasser. Ich möchte die Silhouette der Stadt gern vom Wasser aus – von Wellen geschaukelt – beobachten. Zumal man meiner Erfahrung nach immer vom Wasser aus die schönsten Perspektiven einer Stadt erhält. Das ist in Hamburg so, in Amsterdam, in Istanbul und Sydney – warum sollte Helsinki eine Ausnahme machen! Gegen mein Ekelgefühl bezüglich Touristennepp besteige ich also für 16 Euro ein typisches Sightseeing-Schiff, das auf den schönen Namen DORIS getaut wurde. Die Fahrt soll anderthalb Stunden dauern und durch die kleinen Schären vor der Stadt führen. Mit mir an Bord nur wenige Menschen, vielleicht knapp über zwanzig Fahrgäste insgesamt. Auf dem Oberdeck nur eine junge Frau mit Pagenschnitt, Anfang 20, zurückhaltend aber nicht uninteressant. Ich setze mich nur eine Reihe hinter die Dame, man kann nie wissen. Ich habe noch zwei Tage allein in Helsinki vor mir, da käme mir eine weibliche Begleitung gerade recht.

Wir legen ab und fahren an einem Kreuzfahrtschiff vorbei, im Hintergrund ragen die Dächer Helsinkis empor – die Kuppel und der schneeweiße Torso der Tuormiokirkko stechen aus der Masse heraus. Dieser Anblick ist das alles wert – die furchtbare Radiomusik an Deck, die obligatorischen Nippesfahnen mit Werbeaufdruck, die inzwischen auf das Oberdeck zugezogene nervige Reisegruppe aus Österreich. Wir passieren einen niedrigen Leuchtturm und nehmen Kurs in Richtung offene Ostsee, als es ganz plötzlich einen dumpfen Knall und eine heftige Erschütterung des Bootsrumpfs gibt. Schlagartig lehnt sich die DORIS auf die linke Seite, so um 15° Schlagseite, bevor wir uns wieder in die Horizontale begeben. Das Schiff steht still, das Grummeln des Motors tuckert weiter. Entsetzte Blicke – eine der österreichischen Frauen kreischt kurz auf. Doch bereits nach wenigen Augenblicken erste Lacher, ein Australier neben mir grinst mich an: “Where are the life jackets?” Ich muss lachen und bin irgendwie froh, auf die DORIS gestoßen zu sein und mit ihr auf einen Fels auf dem Grund. Es geht nichts über einen kleinen Zwischenfall, um den Tag ein wenig ins Rollen zu bringen.

Ein Besatzungsmitglied steigt die Treppe empor und geht einmal umher, wohl nur, um sich zu vergewissern, dass niemand zu Schaden kam. Schließlich knarrt eine Durchsage durch die schlechte Radiomusik, die übrigens die ganze Zeit weiter plärrt. “We have to go back to the harbour.” Na wunderbar. Wir fahren einen großen Bogen nach Steuerbord und kehren langsam scheppernd zurück in Richtung Anleger. Der Pagenschnitt und ich werden nie ein Wort miteinander wechseln, dafür kommt nun die junge Finnin nach oben, bei der ich vorhin mein Ticket erstand. “Zeig mir kurz deinen Beleg, dann gibt es das Geld zurück”, sagt sie. Ich krame den Zettel hervor und frage dann doch mal, was passiert sein kann. “Was ist denn los? Haben wir einen Felsen oder so etwas gerammt?”

“Ja, wahrscheinlich einen Felsbrocken. Manchmal kann das passieren.”

Liebe Leserin, lieber Leser, wenn Sie einmal Helsinki besuchen, so lege ich Ihnen hiermit die DORIS wärmstens ans Herz. Wer von uns verspürt nicht gern einen Hauch Abenteuer während der Ferienzeit?!

Darüber hinaus empfehle ich hier noch – so viel Zeit muss sein – ausdrücklich den Buchladen “Akateeminen Kirjakauppa” an der Pohjoisesplanadi. Auf zwei Stockwerken erstreckt sich hier eines der schönsten Geschäfte, die ich seit langem betreten habe. Die Reiseabteilung im Obergeschoss bietet neben einschlägigen Klassikern von Theroux, Chatwin, Marco Polo und Co. noch Reiseführer für jedes erdenkliche Ziel auf der Welt. Die Kochbuchabteilung im Untergeschoss – gleich neben den skandinavischen Krimis – inspiriert zu den abenteuerlichsten Fischkreationen und der Kaffee, den man beim Stöbern und Schmökern trinkt, ist heiß und stark. Die sauberen Klos sind ein weiteres “Must See”.

Da sage noch einer, von Helsinki dürfe man nicht viel erwarten.

   

 

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