Land der tausend Seen

Land der tausend Seen

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Der Regen begann am frühen Nachmittag. Ein Wolkengeschwader, düster und alles verdunkelnd, näherte sich von Osten und brachte starke Windböen mit sich. Die Ausläufer am Ufer wirbelten den Sand auf, der sich kalkig und schuppig auf den Baumstümpfen ablagerte.

Diese Region Finnlands war berühmt für die zahllosen Süßwasserseen, ihre Birken- und Kiefernwälder, ihre Tankstellen und die begnadeten Hände ihrer Holzschnitzer. Hier hatte ich eine Holzhütte gemietet, um die vielen Kilometer, die ich seit Helsinki heruntergeschaufelt hatte, aus den müden Beinen zu schütteln. Mir standen ein Etagenbett, ein kleiner Wohnraum mit einem Tisch, einem niedrigen Sofar und einem aus Eichenholz gefertigten Schaukelstuhl und ein kleines Häuschen mit einer Sauna direkt nebenan zur Verfügung. Doch nun machte mir das Wetter einen Strich durch die Rechnung und ich musste mein Bad im klaren Wasser vorerst verschieben.

Und dann war da noch Robert. Robert war um die Jahrtausendwende vom Bord einer Fähre gesprungen und hatte sich in der Nähe – im Städtchen Outokumpu – als Fischer niedergelassen. Nach wenigen Jahren hatte er eine Finnin gefunden, die wenig später seine Frau wurde und ebenso von der Natur und den rauhen Bedingungen dieser Gegend angezogen wurde wie er. Doch seit einigen Jahren seien die Fänge rückläufig, die Qualität der Gewässer schlechter und er müsse darüber nachdenken, nach Dänemark oder ins Baltikum zu gehen. Bei Einbruch der Dunkelheit hatte der Regen aufgehört und rund um meine Hütte dampfte und qualmte der Waldboden vom aufsteigenden Dunst, während Robert Bier nachschenkte. Wir sprachen von Deutschland und der Situation für die Finnen, die sich jetzt, da Putin ein Blick gen Westen warf, begannen Sorgen um die Zukunft dieses Landesteils zu machen. Schon jetzt kamen im Sommer unzählig viele Russen hinüber um zu fischen, Kurzzeitjobs anzunehmen oder sich illegal zu betätigen.

Letztlich waren beide Staaten aber so lange miteinander verknüpft, dass sich die Menschen keine große Angst erlauben durften sondern sich immer auch die wirtschaftiche Abhängigkeit vom großen Nachbarn ins Gedächtnis zu rufen hatten. Am kommenden Morgen war das Ufergebiet in einen milchigen Nebel gehüllt. Vom anderen Ufer drang das Klappern von Paddeln und gedämpftes Stimmengewirr herüber, Einheimische auf der Suche nach Forellen. Ein Mann, der sich den Schlaf aus den Augen rieb, kam zur Hütte und meinte, wenn ich nicht gedächte, eine weitere Nacht zu bleiben, müsse ich bald aufbrechen.

Mein Weg an diesem Tag führte mich mitten durch das nördliche Seengebiet von Karelia, vorbei am Höytiäinen und Pielinen und als ich mich auf den Badesteg an einer auslaufenden Uferstraße setzte, ging mir durch den Kopf, wie überrumpelt ich mich von Finnland und der Reinheit von Luft und Wasser fühlte. Mein eigentliches Ziel – Lappland – war noch einige Tagesreisen entfernt und es wäre leicht gewesen, hier an diesen Seen für Tage oder Wochen zu verweilen.

So ist das mit Finnlands Seen: Wenn sie dich einmal packen, kannst du dich nur schwerlich wieder lösen.

 

   

 

 

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