Durch die Schweizer Alpen

Durch die Schweizer Alpen

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Was bleibt einem zu tun, wenn man sich einen Traum erfüllt hat? Gar nicht einfach, nicht wahr? Jahrelang hatte ich davon geträumt, Australien zu besuchen und mir dann mit 23 den Traum erfüllt. Nach anfänglichen Schwierigkeiten kam ich mehr und mehr vor Ort an, lernte Leute kennen, sprach fließend Englisch und gewann an Farbe, was mir in der fast ein Vierteljahrhundert andauernden Zeit zuvor nie gelungen war. Dementsprechend niedergeschlagen war ich nach meiner Rückkehr. Meine Familie und Freunde reagierten leicht gereizt, da mir deutlich anzumerken war, wie unglücklich ich mit dieser Rückkehr in die alte Spießerheimat Deutschland wirkte. Es wirkte nicht bloß so, ich war unglücklich, hundsmiserabel schlich ich durch die Straßen meines Heimatdorfes und wusste nicht so recht, wie ich von nun an weitermachen sollte.

Das ist die Gefahr von Träumen, die in Erfüllung gehen. Erfüllte Träume neigen dazu, dir im Anschluss – man könnte auch sagen, nach dem Aufwachen – den Boden unter den Füßen wegzuziehen und auf einmal kommen dir sämtliche Eigenschaften und alltäglichen Situationen grau und trübe vor, haben sie doch so gar nichts gemein mit der Zeit, in der du noch an deinem Sehnsuchtsort herumgeturnt bist. Wie konnte ich also aus dieser Lethargie heraus kommen und zugleich meinen Reisehunger, der ja mitnichten durch das halbe Jahr down under gestillt worden war, ein wenig befriedigen?

Im Sommer 2008 hing ich nicht mehr ganz so in den Seilen wie noch im April, weil mir inzwischen klar geworden war, dass man liebgewonnene Erfahrungen durchaus in seinen heimischen Alltag integrieren kann, wenn man sich bemüht. Trotzdem: Das niedersächsische Wetter und der Umgang mit älteren Verwandten und sich zu Spießern aufstrebenden Freunden ließen mir ab und an weiterhin Schauer über den Rücken rieseln. Mein Umzug nach Hamburg, in einen anderen Sehnsuchtsort, lag noch einige Monate entfernt und ich brauchte etwas, um für mich selbst neue Distanz zu gewinnen – sowohl zur Heimat als auch zum erfüllten Traum des vergangenen Winters. Also überlegte ich mir mangels Geld und Freizeit, dass ich für eine Woche in die Schweiz fahren möchte. Das Auto meiner Mutter konnte ich borgen, ein wenig Geld würde reichen, wenn ich einige Nächte im Auto und nur selten in Hotelbetten pennen würde. Berge gefielen mir schon immer, aber bis auf Durchreisen in Richtung Italien war ich noch nie für länger in den Alpen gewesen. Und für etwas „Größeres“ war leider nichts drin – also sagte ich mir: Erstmal lieber kleine Brötchen backen.

So steuerte ich dann eines Montag Morgens den blauen Toyota meiner Mutter in Richtung Süden, die A1 in Richtung Köln, weiter bis Bonn und dann nach Freiburg. Freiburg – bekannt als die sonnenreichste Stadt Deutschlands. Und heute, im August? Regenschleier, Dunstwolken, vom „Schau-ins-Land“ schaute ich in eine trübe Suppe, aber mit Sicherheit nicht ins Land. Naja, Pech gehabt, dann weiter zum Rheinfall. Der entpuppte sich nicht unbedingt als Reinfall, aber beeindruckt war ich auch wieder nicht – und dabei gehört er zu den drei größten Wasserfällen Europas. Dann also nach Zürich. Keine Regenwolken mehr, aber dafür eine Lektion in Sachen „so lebt die andere – die bessere, oder einfach ausgedrückt, die Schweizer Hälfte“, was die Lebenshaltungskosten betrifft. Für mich betraf das die Parkgebühr für zwei Stunden: Ein abschreckender Beweis der finanziellen Zustände unseres Nachbarlandes.

Die Schweiz und ich, wir hatten uns auf dem falschen Fuß erwischt. Alles scheiße, auf den ersten Blick. War es doch keine gute Idee gewesen, nach einem halben Jahr Australien und ein paar Monaten Kuraufenthalt im Heimatort dieses kleine Land in den Bergen anzusteuern? Oder war ich einfach nur bescheuert, arrogant und größenwahnsinnig geworden? So etwas gibt es ja! Einige Monate von zu Hause weg, viel Sonnenschwein und neue Menschen, neue Frauen, und oben knallt eine Sicherung durch und sagt uns „Mehr, mehr, mehr.“ Vielleicht brauchte es ja auch nur etwas, einen kleinen Impuls, der mich dankbarer machte. Schließlich hatte ich mir dieses Ziel komplett frei und selbst gewählt – scheiß auf wenig Geld und weniger Zeit, ich hätte trotzdem noch dreißig andere Häfen anpeilen können als ausgerechnet das Land der Kühe, der Hörner, der Eidgenossen. Die erste Nacht in der Schweiz verbachte ich im Auto, auf halbem Weg zwischen Zürich und dem Matterhorn, direkt neben einer urigen Alpenkapelle. Und siehe da: Der Sonnenaufgang über den Berggipfeln am Morgen danach war der Wahnsinn. Ganz zart tupfte das Tageslicht zunächst die zuckerweißen Zipfel über mir in ein Rosa, ein Lila, ein dunkelorange ins Goldene und schließlich wurde die Nacht zum Tag und die Schweiz zum erfüllten Sehnsuchtsort. Wenig später die ersten braun-weiß gefleckten Kühe, die vor mir auf der Passstraße ihren privaten Zebrastreifen eröffneten. Glockengebimmel, ein Schäfer, fantastisch. Und nachmittags dann der Anblick des wohl typischsten und berühmtesten Gipfels der Schweiz. Ich erreichte das Matterhorn und all die Jahre, in denen ich in Duty Free Shops an Flughäfen dieser Welt an den Toblerone-Großpackungen vorbeimarschiert war, schienen wie weggeblasen. Ich wollte nur noch diesen Berg, dieses Massiv mit den Augen auffressen – und wenn es möglich gewesen wäre, hätte ich gern ein Stück davon abgebissen.

Selbst die anderen Menschen und ihre Laute um mich herum gewannen mehr und mehr an einer Exotik, die Australien niemals hätte bieten können. Englisch kann jeder, so what? Die Sätze, die ich hier vernahm, hatten eine ganz andere und urkomische Dynamik. Beispiele gefällig? Aber bitte:

Das isch e Nugge!

My Gotseeeu

Da geisch d Bänne ab

Eim der Bättu häregheie

Jede Rägertropf es Grüessli

 

Wie hätte ich solche Satzfäden nicht aufregend finden sollen? Mit einer Skiseilbahn im August den Berg hinauf, über Kühe und Schafe hinwegschwebend, war ich endgültig angekommen. Für ein paar Tage Sonne pur, japanische Touristen hier und da und ein Essen, das für richtig Geschmäckle sorgte. Und am letzten Tag der Tour ein Besuch im Schweizer Jura, der kühlsten und regenreichsten Region des Landes. Es regnete ganz sacht, beinah literarisch. Komischerweise passte es mir an diesem Tag perfekt, der Ort St-Ursanne mit den Giebeln, den verwinkelten Gässchen und seiner Lage an einem kleinen Fluss fügte sich herrlich in den Regenschleier ein und ließ mich fast nicht mehr fortfahren.

 

Nach einer Woche kehrte ich vollbepackt mit Erinnerungen und guten Momenten ins Heimatdorf zurück. Australien war nicht vergessen, aber die Schweiz hatte eine andere, ebenso wertvolle Position eingenommen. Es ist eben alles eine Frage der eigenen Herangehensweise. Augen und Ohren offenhalten, dann klappt das schon.

 

   

 

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