Kyoto, die Unglaubliche

Kyoto, die Unglaubliche

Eingetragen bei: Asien | 0

Früher Morgen, kurz nach acht. Die Frühlingssonne geht soeben über den Tälern Westjapans auf, bereits jetzt spürt man, dass uns ein warmer Frühlingstag bevorsteht. Durch die noch dominierende Stille dringen allmählich seltsame Rufe, von mir noch nie gehört. Bettelmönche in blauen Roben und mit vietnamesischen Spitzhüten aus Schilf ziehen in ihren Holzclogs durch die ruhigeren Wohnviertel Kyotos, um Spenden für ihr Kloster zu sammeln. Ich folge einem dieser Mönche, wie er achtsam und stoisch in seinen Bewegungen die schmale Straße entlangschreitet, auf der linken Seite, wie es landesüblich ist. Ein junger Mann tritt aus der Haustür, die beiden stehen genau voreinander und verbeugen sich leicht, worauf der junge Mann einige Münzen in eine schmale Holzbox wirft, die der Mönch bei sich trägt. Ein solches Ritual habe ich noch nie miterlebt, es ist meine erste Reise in den fernen Osten.

 

Kyoto. Lange Jahre verband ich mit diesem Namen lediglich das 1997 beschlossene Kyoto Protokoll und den Song von THE CURE, der den Stadtnamen trägt. Andere Gedanken oder Wünsche kamen mir bezüglich Kyotos und auch bezüglich Japans lange Zeit nicht in den Sinn. Das änderte sich erst durch das Lesen von Reiseliteratur. Der Schweizer Nicolas Bouvier und der Niederländer Cees Nooteboom haben seit den 1950er Jahren diese Inseln im fernen Ostasien mehrfach bereist – Bouvier lebte zeitweise sogar mit Frau und Kind in Kyoto – vor allem aber in einer unnachahmlichen Weise über Japan geschrieben. Die Lektüre unterschiedlichster Werke ließ mich erkennen, dass Japan mehr bedeutet als nur Neonreklamen und in die Luft fliegende Atomkraftwerke. Und dann kam noch ein Freund von mir hinzu, den ich über eine Reise durch den bolivianischen Dschungel kennengelernt habe und der genau wie ich versucht, mindestens einmal jährlich mindestens ein Land zu bereisen, in dem er zuvor nie gewesen ist. Er berichtete mir von einer Fahrt durch die japanischen Berge und die Eigenart, die er so in keinem anderen Land zuvor gespürt habe. Das machte nicht nur neugierig, das machte Japan für mich zum nächsten großen Ziel. Zwei oder drei Jahre lang schob ich diese große Reise mangels Zeit, auf Grund privater Verpflichtungen und aus Geldmangel vor mir her. Aber nach langem Sparen war es im April soweit: Für knapp drei Wochen ging es durch einen kleinen Teil Japans.

 

Die Fahrt mit dem shinkansen Schnellzug nach Kyoto ist leider ernüchternd, strömt doch der erste Regen meiner Reise vom Himmel und erinnern die zumeist eng verbauten Flächen an der Ise Bucht sehr anschaulich an die hiesige Bevölkerungsexplosion, deren Folgen beinah überall spür- und sichtbar sind. Ein Mittwochnachmittag, der Zug ist nicht besonders voll. Mit welcher Behutsamkeit sich die uniformierten Schaffner der JR (Japan Rail) durch die Waggons bewegen, nötigt einem europäischen Besucher unmittelbar Respekt ab. Kurz vor dem Verlassen des Waggons drehen sie sich ein letztes Mal zu uns, den Fahrgästen, den Kunden, um und verbeugen sich. Es hat nicht lange gebraucht, bis ich mich an die hiesigen Höflichkeitsfloskeln und Rituale gewöhnt habe. Womöglich liegt es an der Lektüre der bereits erwähnten Schriftsteller oder an Fernsehbeiträgen, in denen man diese Geste, die uns in Europa so fremd und unzeitgemäß erscheint, scheinbar bereits gut kennt. Mit zunehmendem Regen nähern wir uns dem Talkessel, in dem Kyoto liegt. Die heutige Metropole war einst, in der Blütezeit der Shogune, die Hauptstadt Japans, bis diese Rolle ab 1603 mehr und mehr nach Edo, dem heutigen Tokio, zugeschrieben wurde. Die Errungenschaft und besonders die baulichen Begleiterscheinungen der langen Blütephase sind glücklicherweise bis heute zu besichtigen: Über 1.000 Tempel und über 600 Shinto-Schreine sind im Großraum Kyoto beheimatet, einige der berühmtesten Pilgerstätten des Zen-Buddhismus befinden sich ebenso darunter wie weltberühmte Gärten und Tempelkomplexe shintoistischer Prägung. Kyoto weist außerdem stolze 17 Gebäudekomplexe oder Tempelstätten auf, die von der UNESCO mit dem Weltkulturerbestatus versehen wurden. Kann man über diese Liste auch streiten, so ist die hohe Dichte an historisch bedeutsamen Sehenswürdigkeiten enorm – in ganz Deutschland befinden sich im Vergleich dazu 41 dieser ausgezeichneten Orte, Regionen oder Städte.

 

Doch was sollen schon solche Daten, es kommt beim Besuch einer Stadt auf das Gefühl an, eine Essenz in den Straßen, in der Luft und im Umland, die einen mit offenen Armen empfängt und zugleich genügend Reizpunkte und Widersprüche bietet, um spannend und lebendig zu sein. Neben Vancouver, Esfahan, Rom und vielleicht noch Buenos Aires und Paris, ist Kyoto relativ bald eine Stadt, in der ich mich mit dem ständigen Gefühl und Wunsch bewege, sie auf jeden Fall nochmals in meinem Leben besuchen zu wollen. Wie geht das so schnell? Was unterscheidet eine solche Stadt von der nächstbesten? Das hängt natürlich immer mit extrem subjektiven Gefühlen und Erinnerungen zusammen. Von dem Moment an, da ich mit schwerem Rucksack durch den nachmittäglichen Regen in Richtung Zentrum und zu meinem Gasthaus wandere, ist Kyoto wie ein riesiges Theater, auf deren Bühne alle hundert Meter Tradition und Moderne, Geschichte und Zukunft, bunt und grau aufeinander treffen und trotz der Widersprüche eine wohlige Symbiose eingehen zu scheinen. Diese Reibung zwischen dem traditionellen Japan, dessen kulturelle Überlieferungen man so geballt an einem Ort nur noch hier erleben kann, prallt auf die neuesten Kreationen aus dem 21. Jahrhunderts. Wenn man zum Beispiel vom hochmodernen Gebäude des Kyoter Hauptbahnhofs mit dem Bus oder der S-Bahn nur fünfzehn Minuten nach Süden fährt, gelangt man zum Fushimi Inari-Taisha, einem der größten Shinto-Schreine der Stadt. Seit dem 8. Jahrhundert stehen hier auch die kilometerlangen,
in grellen Orangetönen gehaltenen Torii, die Torbögen, die sich hier die bewaldeten Berge hinaufschlängeln. So kann man hier stundenlang umherwandern, und je höhe man steigt, desto mehr fallen die Touristenmassen von einem ab und desto magischer wird das. Geruch von Räucherstäbchen treibt in meine Nase, moosbewachsene Marmorsteine zieren endlose Mini-Schreine, die allesamt von Füchsen bewacht werden. Der Fuchs gilt als Bote von Inari, der Göttin der Fruchtbarkeit, die im Shintoismus als eine unter vielen verehrt wird. Ihr sind auch die langen Torii Gänge gewidmet. Überhaupt lassen mich die ersten Tage in Kyoto viel mehr über die Verbindung aus Shintoismus und Buddhismus erfahren – diese Verbindung ist so nur in Japan zu finden. Das karge Element des Buddhismus – der Zen – wird ergänzt und erweitert durch das Bewusstsein des Shintoismus, dass alle lebendigen Wesen Geister besitzen, die Natur und die Welt, in der wir leben, begeistert ist. Ein Baum ist ein Lebewesen. Eine Wolke lebt. Ein Blatt, das auf den Boden fiel. Diese Kombination wird heute allzu häufig oberflächlich, ohne wahre Vergeistigung, von Japanern gelebt. Ebenso, wie in Europa viele Menschen zur zum Heilig Abend eine Kirche betreten. Doch die grundsätzliche Tendenz der hiesigen Religionen ist in den Schreinen und Tempelgärten Kyotos direkt spürbar.

 

 

À propos Gärten. Am zweiten Tag besuche ich den Ryōan-ji.
Ein Garten am Rand der Stadt Kyoto. Sehr früh am Morgen muss man hinausfahren, um ihn in seiner unvergleichlichen, konzentrierten Stille zu erleben. Der Ryōan-ji ist in diesen Augenblicken zum Weltmittelpunkt geworden. Er ist ein Ort, an dem das Heilige, der unmittelbare Einbruch der Transzendenz unmittelbar spürbar wird. Ein Weltmittelpunkt, in dem kosmische Kräfte sich konzentrieren. Ein Garten, der höchste Einfachheit mit nicht mehr zu übertreffender Vollkommenheit verbindet. Der berühmteste Zen-Garten überhaupt zieht die Touristen scharenweise an, hauptsächlich sind es Japaner selbst, die diesen Ort mindestens einmal in ihrem Leben mit eigenen Augen betrachten wollen. Ich erreiche ihn am Nachmittag, Schulklassen, Paare, Besucher aus aller Herren Länder sitzen längst des Kiesbettes und plaudern, fotografieren, toben und stören dadurch genau den Grund, weswegen sie ursprünglich hier her gekommen sind. Und doch lässt sich der Trubel um mich herum ausblenden, als ich mich selbst auf die Holzstufe direkt vor dem Rechteck setze und den Anblick auf mich wirken lasse.

Ein Rechteck. Eine Fläche von der Größe eines Tennisplatzes. Begrenzt von einer niedrigen, von Ziegeln bedeckten Mauer im Süden und Westen. Auf der Fläche Kies. In die Fläche gesetzt Steine. Fünfzehn Steine. Keine Bäume, keine Pflanzen wachsen in diesem Rechteck. Lediglich von der Feuchtigkeit gebildeter Moos rankt um die Steine. Die Zusammenstellung der Steine, die Proportionen sind es, die Gefangen nehmen. Eine nicht entschlüsselbare Ordnung. Sie lädt ein zum Verweilen, zum Philosophieren. Es gibt unendlich viele Deutungsansätze, doch keine dieser Interpretationen erklärt mir die Anziehungskraft, die von diesem Ort ausgeht. Jetzt, da ich dies schreibe, zieht es mich magisch zurück zu jener Stufe, wo ich sitzen und betrachten darf. Der Garten bewegt den Betrachter, und macht ihn zugleich still. Ein extremer Ausdruck der Entselbstung. Vollende Selbstlosigkeit, in Form von fünfzehn Steinen und einem geharkten Kiesbeet.

Freitagabend und die Stadt geht aus. Nirgendwo sonst findet man so viele gute und schick beleuchtete Restaurants wie im Pontochoviertel, direkt am Ufer des Kamo Flusses. Die Bürger der Stadt haben sich herausgeputzt, Frauen in Kimono und Männer in dunklen Anzügen durchstreifen die schmale Gasse uns werfen ausgiebige Blicke auf die Speisekarten oder in die Schaufenster, in denen die Gerichte zum Teil komplett angerichtet präsentiert werden. Idiotensicher, jeder potenzielle Kunde sieht sofort, was er auf den Teller bekommt. Die Gerüche der gebratenen Fleischspieße. Der Anblick von Köchen, die das Sushi frisch an der Theke mit spitzen, glänzenden Messer zubereiten. Der strenge Duft verschiedener Nudelsuppen. Wagyu Rindfleisch, das vor den Augen des Gastes erhitzt wird. Oder auch die in Europa weitgehend unbekannten Okonomiyaki. Wie eine Art übereinander geschichteter Pfannkuchen aus Wasser, Kohl, Mehl, Ei und Dashi füllt jeder Besucher seine weiteren Zutaten nach Wunsch selbst ein, direkt am Tisch.

 

 

 

In den fünf Tagen meines Besuchs besuche ich auch den Goldenen Pavillon, den Kinkaku-ji und dem Bambuswald in Arashiyama. Wohin ich auch gehe, die anderen sind schon da. Doch befindet man sich dann erstmal in einem Tempel oder inmitten dieses eigentümlichen Lichts, dass durch die Bambushaine in sanftes, warmes und dennoch dunkles Grün getaucht wird, fallen die Massen von dir ab. Ruhe stellt sich ein und die Magie Kyotos erfasst mich, ein Grund dafür, warum ich bereits jetzt weiß, zurückkehren zu müssen. Und schließlich erlebe ich doch diesen einen Augenblick, der scheinbar nur mir gehört, unweit der Touristen und wirklich intim. Reiner Zufall – die besten Augenblicke auf Reisen entstehen ohne Plan.

 

Ich treffe auf meinem Fußweg in Richtung Innenstadt auf einen weiteren Shinto-Schrein, mit mehreren Gebäuden und einem stillen Innenhof. Außer mir schreitet nur eine andere Person durch den Komplex, eine junge Japanerin. Stille, meditative Atmosphäre; hinter den Mauern ferner Straßenlärm des modernen Kyotos. Vor dem Mittelpunkt des Schreins – dem Punkt, den man im Christentum Altar nennt – steht ein Priester und rezitiert eine Art Gebet. Seine Stimme durchdringt die Stille um uns herum, sie ist ganz bei sich und ganz im Moment. Ich stehe ganz still und höre schweigend zu, wie festgewurzelt an diesem Ort. Es gibt auf jeder Reise einen Moment, an dem die Seele endgültig hinterhergereist kommt, an dem das physische und das innere Ich eins werden.

 

Dies ist es. Ich bin in Kyoto angekommen.

Hinterlasse einen Kommentar