Kairo 2013 – Teil 1: Wenn Steine sprechen könnten

Kairo 2013 – Teil 1: Wenn Steine sprechen könnten

Eingetragen bei: Afrika | 0

Es sollte nur der lang geplante Besuch eines guten Freundes werden, ein Kurzurlaub, um die Pyramiden zu sehen und meinen ersten Eindruck vom Orient zu erhaschen. Doch die Politik wollte es anders. Die Politik machte aus einem Kurzbesuch eine sehr spezielle Erfahrung aus meiner Reise nach Kairo.

Knapp eine Woche vor meinem Abflug informiert mich mein Freund, dass einen Tag nach meiner Ankunft, am 26.01., der zweijährige Jahrestag DER Revolte begangen wird, die langfristig den ehemaligen Präsidenten Mubarak gestürzt hat. Es gibt unbelastetere Augenblicke für den ersten Besuch in diesem seit Jahren von Unruhen erschütterten Land.

Bei der Ankunft spüre ich allerdings wenig von Erschütterung. Mein Freund holt mich mitsamt arabischem Namensschild ab, wir begrüßen unseren privaten Taxifahrer. In Kairo kann man sich Taxifahrer auch mal für einen ganzen Tag besorgen, kostet dann bis zu den Pyramiden und zurück in die Innenstadt etwa 30 €. Auf unserer Fahrt Richtung Zentrum fällt die Fahrweise der Ägypter auf – jeder fährt dorthin, wo eben gerade Platz ist. Um uns die Schönheit und das Hässliche in der Kombination des Stadtbildes, englische Kolinalbauten neben heruntergekommen Wohntürmen und wunderschönen Moscheen und Tempeln; am meisten aber fällt mir die L u f t  auf. Es ist die schmutzigste, stickiste Luft, die ich bislang in meinem Leben geatmet habe. Ein Blick ins Taschentuch wird mir dieses Gefühl in den nächsten fünf Tagen bestätigen. Schwarz und grau vor Staub und Dreck, all das, was man hier tagsüber so zu Atmen bekommt.

Daran gewöhnt man sich. Woran ich mich nicht gewöhne, ist Hamid. Wer zum Geier ist Hamid? Hamid ist einer der drei Mitbewohner meines Freundes, Ägypter aus dem Süden, aus Assuan. Hamid ist mit einer Amerikanerin verlobt, die von ihm schwanger ist, was Hamid just in meiner zweiten Nacht in Kairo erfährt. Sein Jauchzen, Heulen und Brüllen am Laptop (sie reden über Skype miteinander) weckt mich mitten in der Nacht auf. Morgens weckt mich der Muezzin der nächstgelegenen Moschee. Kairo ist nichts für Langschläfer.

Zwei Tage vergehen. Zwei Tage Staub und Ruß atmen, zwei Tage daran gewöhnen, dass uns fünfmal täglich der Ruf Hunderter von Muezzins umlagert, zwei Tage lernen, was fuul ist und dass es toll schmeckt (ein Eintopf aus dem bäuerlichen Ägypten – aus Saubohnen und Gewürzen), zwei Tage lang glauben, dass man alles im Griff hat. Auch seine Sorgen vor dem, was auf den Straßen rund um den Midan Tahrir immer nur als Geräuschkulisse erahnbar ist.

Nach zwei Tagen fahren mein Freund und ich mit einem Taxi zu den Pyramiden. In Kairo ist es, ich erwähnte es schon, günstiger  und schneller, einen Taxifahrer für den ganzen Tag zu mieten, als mit Bussen sein Ziel anzusteuern. Unsere erste Pyramide ist nicht sehr berühmt – die Sahure Pyramide – doch der Anblick zieht einem die Schuhe aus. Hier, an genau diesem Ort, haben Menschen vor drei- bis viertausend Jahren etwas geschaffen, das sich unserer Rationalität entzieht. Unser Verstand erfasst die Architektur und die physikalische Ordnung dahinter – das ist nicht das Problem. Problematisch wird es, wenn wir darüber nachdenken, wie es Menschen gegeben haben kann, vor so langer Zeit, mit technisch so limitierten Mitteln, die diese Regeln und Gesetze nicht nur erkannten, sondern sie auch in einer solchen Größenordnung in die Tat umzusetzen verstanden. Beim Betreten der Pyramide befällt uns eine Beklommenheit, die Luft enthält wenig Sauerstoff, was man atmet, was man riecht, ist Zeit. In dreitausend Jahren kompensierte Luft, die man schmeckt, Durchgänge, durch die wir kriechen müssen, irgendwo am Ende des steilen Aufgangs, den die Ägypter mit Holzplanken beschlagen haben, damit man wieder an die Erdoberfläche zurückkehrt, all das raubt uns die Kraft und die Sinne. Es ist eine widerspenstige Erfahrung, in etwa so, wie wenn man zum ersten Mal eine verbotene Substanz ausprobiert – die Neugier überwiegt die Vernunft. Als wir wieder die frische Wüstenluft atmen, sind wir erleichtert. Diese Bauten dienten den Toten. Nicht den Lebenden, und daran hat sich in den vielen zig Jahrhunderten nichts geändert.

Wir fahren weiter und nähern uns dem berühmtesten Ort des Landes, einem der berühmtesten Orte der Welt. Und ja, die zerrissenen Wohnsilos der Vorstädte Kairos enden direkt am Rande des großen Parkplatzes, und ja, dieser Parkplatz und der gesamte Bereich ist umringt und durchflutet von Touristen und Ägyptern, die diesen Touristen einen Kamelritt, eine Uhr, einen Hut aus Pappe oder jeden anderen erdenklichen Nippes andrehen wollen… doch ein Blick auf die Pyramiden und die Sphinx von Giza lassen alle Geräusche verstummen. Man hat diesen Ort bereits als Kind im Bewusstsein gespeichert, man kennt die Pyramiden, aber nun, da wir sie sehen, verstummen wir vor der Größe und der schieren Wucht dieser Bauten. Die überraschend kleine Sphinx zu unseren Füßen, links von ihr die Chephren-Pyramide und rechts die Cheops-Pyramide, blinken in der grellen Sonne und vermitteln nichts anderes als Macht. Das Andenken an die Pharaonen, die schiere Gottheit und der Einfluss sind in diesem Augenblick physisch zu spüren. Durch Jahrtausende hindurch lagern diese Steine auf diesem Plateau, Sonne, Sand und Wind ausgesetzt, tausendfach gealtert, und doch so mächtig und stabil, dass sie uns alle für weitere Jahrtausende überdauern werden. Wir umwandern die Cheops-Pyramide, die einzelnen Steine sind so groß wie ein ausgewachsener Mann. Wieviel Kraft, wieviel Menschenleben, wieviel Zeit mag verstrichen sein, bis die alten Ägypter den letzten Stein auf die Spitze legten und den Sarkophag endgültig verschlossen? Die Kamelreiter, die sie umkreisen und auf der Suche nach Kundschaft auch uns ansprechen, fallen auf taube Ohren. Für einen Moment sind wir aus den Gegenwart gefallen und können nur schauen, nicht sprechen.

Was spricht, sind die Steine. Der Gedanke hat nicht schizophrenes, es hat nichts mit Begeisterung für Geschichte zu tun, man reflektiert nicht. Es genügt, hier zu stehen und das Gestein zu betrachten, es dann anzufassen und zu wissen, dass diese Steine vor all den tausend Jahren von anderen, längst aufgelösten menschlichen Händen in Form gebracht wurden, in Form gemeißelt wurden, transportiert wurden und schließlich an den genau hierfür vorgesehenen Platz geschoben wurden. Ich fasse die Steine an, ich fühle sie und fühle mich mit all diesen Händen und all jenen Menschen verbunden.

Abends. Wasserpfeife und ein Gespräch darüber, was genau in diesem Augenblick, nur wenige Kilometer von der Wohngemeinschaft entfernt, passiert. Was mit diesem Land passiert. Zerrissen, verarmt, überbevölkert und am Rande des Chaos taumelnd und, was wir jetzt noch nicht ahnen können, wenige Wochen später über den Rand hinaus. Ein Land, das einmal, vor all den Jahrtausenden, etwas hervorgebracht hat, das uns bis heute zuflüstert.

   

Hinterlasse einen Kommentar