Bei den Bären rechts abbiegen – Kanadas Westen

Bei den Bären rechts abbiegen – Kanadas Westen

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Grüntöne vor hellgrauen Bergspitzen, Tannenwälder, soweit das Auge reicht, kristallklare Bergseen, Pancakes mit Ahornsirup, Eishockeysüchtige breitschultrige Männer in karierten Hemden und der Axt über der Schulter? Waren dies die Erwartungen an Kanada? Hatte ich überhaupt konkrete Erwartungen?

Ich bin 17 Jahre alt, als es für drei Wochen in den Westen dieses riesigen Landes geht. Ich denke an Mädchen, an Fußball und dann wieder an Mädchen. Auch an Musik. Wenig an Literatur. Wenig an Reisen. Aber wenn es eine Reise meiner Jugend gibt, die mir bewusst macht, wie viel Wert in einer solchen Erfahrung liegt, dann ist es diese dreiwöchige Rundtour durch die kanadischen Provinzen Albany und British Columbia. Dabei sind die Voraussetzungen mehr als unschön. Durch eine Verkettung extremer Umstände sitzen wir genau während des WM-Finalspiels zwischen Brasilien und Deutschland in einer Air Canada Maschine über dem Nordatlantik. So bleibt uns aber auch der Patzer von Olli Kahn erspart und die schreckliche Frisur von Ronaldo.

Ankunft in Calgary. Herbe Luft, breite Straßen für breite Autos. Die Menschen sehr freundlich und sehr gut gelaunt. Dabei hätten sie genug Grund, ein paar Transparente mit politischen Statements in die Luft zu halten. George W. Bush und weitere sieben Staatschefs sind derzeit in Calgary, die G8 treffen sich zu ihrem alljährlichen Firlefanz. Davon ist bis auf einige schwer bewachte Hotels nichts zu spüren. Das Stadtbild sieht us-amerikanisch aus, und doch spürt man gewisse Unterschiede zum Nachbarn aus dem Süden. Die Atmosphäre ist sehr entspannt, die Befeuerung mit Produkten an jeder Straßenecke weniger heftig und die Aussprache geprägt durch langgedehnte Vokale. Doch wir sind nicht wegen der Städte gekommen, sondern wegen der Bergkette, die sich von Alaska bis Texas entlang der kanadischen Westküste zieht: Der Rocky Mountains.

Als wir am dritten Tag mit unserem Wohnmobil die ersten Bergzüge erspähen, fällt es schwer, nicht sofort von der asphaltierten Straße abzubiegen und in die Wildnis vorzustoßen. Überall erspähen wir verlockende Flüsse, Wasserfälle, majestätische Wälder aus Nadelbäumen. Der Geruch von Douglastannen strömt uns bei unserem Picknick im Banff-Nationalpark in die Nase. Wie viel Raum und Luft um uns herum. Wie viel davon ist wirklich unberührt? Wie viel scheint nur so?

Es lässt sich nicht leugnen: Einsam ist man zu dieser Jahreszeit in den kanadischen Rockies nicht. Viele Touristen sind unterwegs, viele Kanadier verbringen jährlich ihren Sommerurlaub in diesem Landstrich. Das schmälert keineswegs die Schönheit der Umgebung und nimmt auch nichts an Eindruck, aber es mag nicht so recht zu der Kulisse passen. Genauso wenig wie wir selbst. Horden an Wohnmobilen, Pickups und Autos zwischen gigantischen Bäumen, die rechts wie links die Straßen bewachen. Nach fünf Tagen hören wir zum ersten Mal von anderen Besuchern von den vielen Braun- und Schwarzbären, die es hier zu Sehen gebe. Das macht mich stutzig. Bislang haben wir keinen einzigen Bären, geschweige denn irgendwelche Spuren, die an dieses Tier erinnern würden, zu Gesicht bekommen. Aber vor uns stehen nun diese Schwaben und faseln was von “Desch konnscht net fasse, hei, do standense uff eenmal.” Jaja, übt Ihr nur weiter Sprechen und erzählt uns nicht solche Lügen, denkt sich mein junger Kopf.

Wenig später Ankunft in Vancouver. Es ist für mich Liebe auf den ersten Blick. Auf der einen Seite die abfallenden Bergketten der Rocky Mountains, noch Schnee auf den Spitzen. Auf der anderen Seite der Pazifik, bzw. der schmale Strom, der zwischen der Stadt und Vancouver Island liegt. Mittendrin, flankiert von diesen unterschiedlichen Panoramen, eine moderne und höchst lebenswerte Stadt. Die Nähe zum Pazifik erhöht den asiatischen Einfluss, viele Japaner leben inzwischen hier, der Fischmarkt und einige asiatische Stadtviertel verstärken diesen Eindruck. Kosmopolitisch, ein höchst fragwürdiger Begriff – und doch fällt mir beim Durchwandern der Straßen Vancouvers kein besserer, kein passenderer ein. Die Tage in der Stadt sind wunderbar und entspannt. Doch wo bleiben die Bären?

 

Es geht wieder Richtung Osten, wieder in die Berge. Der Lake Louise mit seinem spiegelglatten Wasser hält eine unerwartete Überraschung parat. Als die Dämmerung aufzieht, ziehen auch Schwärme an Stechmücken vom See aus über unseren Campingplatz im Wald. So etwas haben wir noch nicht erlebt. Die Mücken sind überall, und sie stechen durch alles. Sie stechen durch unsere Ärmel der Pullover, sie krabbeln die Hosenbeine entlang. Schließlich sitzen wir vermummt und mit Autan zugekleistert auf den Holzbänken vor unserem Wohnmobil und rätseln darüber, warum es Mücken überhaupt gibt. Sie bringen niemandem etwas, sie sind eine fiese, kaum sichtbare und nerventötende Laune der Natur. Mit unserem geplagten Nervenkostüm sinnen wir über ein kleines Teufelchen nach, das vor Millionen von Jahren das nervigste Tier der Welt kreieren wollte. “Hahaha, und hier noch kleine Flügel dranbauen, für einen niemals überhörbaren Summ-Ton.. Haha.”

 

 

Der kommende Tag lässt uns die Plagegeister rasch vergessen. Am Vormittag erspähen wir bereits aus vielen hundert Metern eine Reihe von Autos, die mit Warnblinkanlange rechts am Straßenrand halten. Eine Gruppe von Leuten steht nah an den Autos und starrt nervös in Richtung Grünstreifen, der sich vor dem Wald befindet. Ein Unfall? Oder einer der zahlreichen ungewöhnlichen Vögel, die einem oft am Wegesrand begegnen? Wir nähern uns im Schritttempo, fahren ebenfalls rechts ran. Und werden belohnt. Eine Braunbärin mit ihren beiden Jungen. Die Bärin füllt sich durch die Touristen bedroht, sie steht auf den Hinterbeinen und gibt hin und wieder Brülllaute von sich. Die Menschen steigen zum Glück in ihre Fahrzeuge und beobachten von dort aus die drei prächtigen Tiere. Wir sind unfassbar glücklich und erleichtert. Weniger, weil wir endlich Bären sehen, sondern viel mehr, weil hingegen des ersten Anblicks hier niemand die Tiere provoziert oder sonstwie unvernünftig handelt. Die Tiere beruhigen sich schnell, langsam ziehen sie sich dann in den Wald zurück.

Unsere Gemüter haben sich beruhigt, wir haben uns endgültig in Kanadas Westen verliebt. Wir sind nicht mehr böse auf die prahlenden Schwaben. Nicht mehr genervt von Mückenschwärmen. In den kommenden Tagen begegnen wir insgesamt sieben Bären, auch zwei Schwarzbären, die allein unterwegs sind, tauchen irgendwann am Straßenrand auf. Und es bleibt angenehm, wie die Menschen reagieren. Ja, sie halten an. Ja, sie schauen und machen Fotos. Aber bis auf die paar Leute bei der Mutter mit ihren Kindern sehen wir niemanden mehr, der aussteigt oder sich überhaupt zu nah an die Tiere heranwagt. So vergeht der bittere Beigeschmack unserer ersten Begegnung mit diesem Tier. Was bleibt, ist unsere Begeisterung für die kanadischen Rocky Mountains. Für die Tiere, die Menschen und die Städte, die wir besuchen durften.

   

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