Die Luft wird dünner – Titicacasee in Bolivien und Peru

Die Luft wird dünner – Titicacasee in Bolivien und Peru

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Seit ich in Bolivien La Paz erreichte, bewege ich mich durchgehend auf mindestens 2.500 Metern Höhe. Eher mehr, als weniger. Ich habe mich also ganz gut akklimatisiert, auch wenn meine Nase und mein Hals merkwürdig trocken sind. Wie ein wochenlanger Flug, so fühlen sich die Atemwege an. Nun geht es nach langem Aufenthalt in La Paz Richtung Westen, Richtung peruanische Grenze und Richtung Wasser.

Nachmittags überqueren wir im Bus auf einer schwimmenden Holzpritsche einen Fluss, wir werden von einheimischen Männern hinüber gepaddelt. Bolivien bleibt ein bezauberndes Land, wenn man den Abenteuerquotienten steigern möchte. Wellen preschen über den niedrigen Bug, die Reifen unseres Busses stehen beim Erreichen der anderen Uferseite bereits unter Wasser. Aber es geht weiter. Wir überwinden Pässe, deren Kulisse ein wenig an griechische Küstenstreifen erinnert. Später an das schottische Hochland. Schließlich erscheint der berühmte, in vielen Blautönen mystisch schimmernde See, dem wir näher und näher rücken. Genau wie so viele andere Naturwunder Südamerikas ist er tief mit meiner Fantasie verwurzelt, bereits seit meiner Kindheit. Erinnern Sie sich an diesen Tim und Struppi – Film, in dem sich die ganze Clique in Peru auf die Suche nach irgendeinem Smaragd oder sonstigem Firlefanz begibt? Der läuft manchmal an Weihnachten oder Ostern im Nachmittagsprogramm. Jedenfalls tauchten die Anden auf, die Inka-Kultur und eben jener größte Höhensee der Erde, der sich in 3.810 Metern Höhe über Bolivien und Peru erstreckt. Man nehme einen so lustigen Namen dazu, und eine Legende wurde geboren: Der Titicacasee. In Copacabana, einem Ort direkt am bolivianischen Ufer, machen wir Halt. Hier steige ich aus und begebe mich mit meinem Gepäck in Richtung der kleinen Hafenpromenade. Ein dreibeiniger Hund humpelt neben mir her, er winselt. Ich kann ihm nichts geben, da ich selbst kaum etwas habe. Die vergangenen zwei Wochen haben mich ausgelaugt.

 

Aber endlich geht es weiter. Ich nehme auf einem der kleinen Schiffe Platz, die am Ufer auf Passagiere warten, und dann geht es hinaus auf die dunkelblauen Wellen des Titicacasees. Hinaus in Richtung Isla del Sol. Die Legende der Inka besagt, dass ihre Kultur auf der Sonneninsel, der Isla del Sol, ihren Anfang nahm. So glauben die Nachfahren der ehemaligen Hochkultur in Bolivien und Peru, dass Manqu Quapaq, der Gründer jener Dynastie, vom Sonnengott Inti aus den Tiefen des Sees hier emporgehoben wurde. Die Insel gilt somit im Glauben vieler Einheimischer bis heute als Geburtsort der gesamten Inka-Kultur. Daher eben der Name Sonneninsel – Isla del Sol.

Auf meinem Fußmarsch vom Boot die Hügel hinauf auf die Isla del Sol spüre ich jeden Höhenmeter ganz genau. Mit vollem Gepäck in dieser dünnen Luft sechshundert Meter Höhenunterschied zu überwinden – alles zu Fuß auf mit Geröll und Kieseln übersäten Wanderwegen – fällt schwer. Die Einheimischen, die zum Teil zu Fuß, zum Teil mit Eseln den Weg hinauf spurten, nehmen die Anstrengung dank ihrer Gewöhnung hin, als sei sie nichts weiter als für unsereins der Weg zum nächsten Kiosk. Endlich oben auf dem Bergrücken der Insel angekommen,  suche ich eine Unterkunft für die Nacht. An einer schmalen Kreuzung des Eselpfades, der zugleich der einzige Verkehrsweg in diesem Teil der Insel zu sein scheint, ist ein Hotel ausgeschildert. Gasthäuser und Hostels gibt es hier einige, die Isla del Sol gilt nicht zuletzt wegen ihrer landschaftlichen Schönheit als Touristenziel, nur muss man diese Häuser erst einmal finden. Ich folge dem Wegweiser einen weiteren Hügel hinauf, an dessen Ende ich an einem Gemüsebeet und nahe einem Waldrand ein kupferfarbenes Gebäude entdecke. Niemand ist zu sehen, aber laut dem Schild müsste dies das Hotel sein. Als ich an die Eingangstür klopfe, reagiert niemand. Aber die Tür ist nicht verschlossen, also trete ich einfach ein. Im weiträumigen Flur hallen meine Schritte von den steinernen Wänden zurück, nun müsste mich wirklich jede Person, die sich hier aufhält, bemerken. Und doch dauert es nochmals fünf Minuten, bis auf mein Rufen hin ein alter Mann mit Hut und Spazierstock erscheint und mich mit zahnlosem Mund in kaum verständlichem Spanisch fragt, was ich denn möchte. Nun, entweder ist der Mann schon sehr alt, oder in diesem Geschäftszweig noch sehr jung, sonst könnte er sich wohl selbst erklären, was ein Reisender mit zwei Rucksäcken und einem erschöpften Gesichtsausdruck in einem Hotel will. Aber auch diese Frage lösen wir nach einigem Hin und Her, und als einziger Gast bekomme ich ein rustikales, aber sauberes Zimmer am Ende des Flurs im Obergeschoss. Als ich aus dem Fenster blicke, überkommt mich ein wohliger Schauer, der die Strapazen des Tages bis hin zu meinem kräftezehrenden Anstieg wieder wettmacht. Ich schaue über Gemüseterrassen hinweg direkt auf den dunkelblauen See, im Hintergrund zeichnen sich schneebedeckte Berge der bolivianischen und peruanischen Andenkette ab. Die Luft ist in dieser Höhe so klar, dass sich eine unnachahmliche Tiefenschärfe ergibt. Alles, auch die entferntesten Details hinter dem See, scheinen zum Greifen nah.

 

Mein Spazierweg ist an diesem Nachmittag bis auf zwei einheimische Frauen mit Eseln menschenleer. Alles wirkt klein und niedlich. Was für ein merkwürdiger, isolierter Ort diese Isla del Sol zu sein scheint. Der Gegenwart unserer globalilisierten Welt entrückt. Im Winter wird es durch die Höhenlage bitterkalt. Dank der Jahreszeit erstrahlen die Gräser heute in hellstem Grün, die Felder, welche auf Grund der komplett von Bergen durchzogenen Insellandschaft allesamt wie Reis in Form von Terrassen angelegt und bestellt werden, versprechen eine reiche Ernte. Der Weg endet nach vielen Talsenken und grandiosen Blicken auf den in der Tiefe liegenden See abrupt an einer Steinmauer, die ich überspringe. Das war unklug, denn mit dem linken Schuh lande ich direkt in einem Kuhhaufen. Ich bin geradewegs in eine Herde von elf Tieren hineingeraten, die sich aber von mir nicht beirren lassen, sondern nach einem kurzen Blick auf den irritierten Gringo weiter die Weide abgrasen. Hinter der Weide entdecke ich einen anderen Wanderpfad, auf dem gerade ein deutsches Pärchen auftaucht. Zu dritt wandern wir weiter bis zur nächsten Bergkuppe, von wo aus man die Chincana-Ruinen sehen kann. An dieser Stelle befindet sich jener heilige Fels, in dem die Schöpfungslegende der Inka-Kultur ihren Ursprung hat.

Gut ausgeschlafen geht die Reise am nächsten Tag in einem Bus entlang der Küste des Sees weiter nach Westen, nach Peru. Trotz der großen Armut im Land werde ich Bolivien vermissen. Die spektakuläre Natur, die fremdartigen Bewohner und das raue Klima machen es zu einem extrem aufregenden Ort. Und nun also Peru. Bevor wir den Grenzübergang erreichen, bekommen wir vom Conductorio einen Einreisepass zum Ausfüllen überreicht. Die Fragen beziehen sich auf die persönlichen Daten, also den Namen, das Herkunftsland und so weiter. Dann aber fällt mir ein Hinweis in Spanisch und Englisch ganz unten auf dem Zettel auf, den ich noch auf keinem Einreisepapier gelesen habe:
„In Peru wird die sexuelle Ausnutzung von Kindern und Jugendlichen mit Gefängnisstrafen belegt.“
Erst während der nächsten Wochen werde ich von anderen Reisenden erfahren, dass Sextourismus tatsächlich ein wachsendes Problem darstellt, vor allem in Lima und an der nördlichen Küstenregion, nahe Ecuador.

 

Am späten Nachmittag erreichen wir Puno. Die kleine Universitätsstadt am peruanischen Ufer des Sees ist der Ausgangspunkt vieler Ausflugsboote zu den Islas Flotantes, den schwimmenden Inseln. Auf dem Weg zum kleinen Bootshafen fallen mir am nächsten Morgen neben manch anderem besonders die hiesigen Taxis auf. In Puno sind dies meistens mit Benzinmotoren ausgerüstete Rikschas, wie man sie aus Indien kennt. Vorne sitzt der Fahrer auf einer Art Motorradsitz. Dahinter ist die Fahrzeugkabine angebaut, ein mit Blech umschlossener Kasten, in dem theoretisch nur zwei Personen Platz finden. Nicht aber in Puno. Wir sehen an diesem Morgen ganze Familien, die sich mit ihren vier Kindern hinten in die Fahrzeuge zwängen. Doch es funktioniert. Am Hafen betreten wir dann gemeinsam mit einigen Franzosen und einer kleinen chilenischen Familie eines der Ausflugsboote, das uns nun mitten zwischen die Islas Flotantes schifft. Diese einmalige Konstruktion des Stammes der Uro gibt es nur hier auf dem Titicacasee. Die Bewohner dieses unwirklichen Ortes erbauen die Inseln immer wieder aufs Neue, indem sie mehrere Schichten aus Schilfplatten übereinander stapeln. Solange, bis sich ein belastbares Konstrukt ergibt. Da die unterste, also sich im Wasser befindliche Schicht stetig verrottet, müssen die Inseln ständig neu erbaut und renoviert werden. Der Ursprung dieser ungewöhnlichen Lebensform liegt in der Geschichte begründet. Da die Uro seit Jahrhunderten ein kleiner Stamm sind, entgingen sie auf diese Art der ständigen Gefahr einer Unterwerfung durch die Inka-Stämme. Das Leben auf den Inseln lässt sich durchaus als Exil verstehen.

 

Als wir zwischen zwei Schilfinseln hindurch gleiten, taucht rechts ein Bewohner mit einer widerspenstigen Kuh an der Leine auf, deren Weideplatz sich auf einer der Schilfinseln befindet. Wir legen an einem Anlegesteg an und betreten die Insel. Nahezu alles, was es hier gibt – die Hütten, die Boote, selbst der für die vielen Touristen erbaute Aussichtsturm – wurde aus Schilfrohr erbaut. Bei jedem Schritt auf den Inseln sackt man zentimeterweit in den nachgebenden Boden ein, was für bei meinen ungeübten Beinen sofort zu schlingernden Bewegungen führt, die durchaus an einen Betrunkenen erinnern. So bewege ich mich also durch diese fremde, abgeriegelte Welt. Trotz des wachsenden Tourismus versetzt einen der Titicacasee zurück in eine Zeit, in der die Welt als Ganzes nicht zu existieren schien.

 

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