Im Grunde gibt es zwei Bereiche in meinem Leben, die mich seit meiner Kindheit gleich stark begeistern: Reisen und Schreiben.

Vor dem Schreiben kommt aber häufig das Lesen, und besonders auf Reisen halte ich es für enorm wichtig, was Gutes zum Lesen im Rucksack zu haben. Für die elenden Wartezeiten auf Flughäfen, an Taxiständen oder für die einsamen Abende im Einzelzimmer, wenn mangels einer Bar oder anderer Reisender Melancholie angehoppelt kommt.

Daher stelle ich hier drei Schriftsteller vor, die für mich inzwischen vollkommen mit dem Gefühl und dem Zustand REISEN verbunden sind.

Nicolas Bouvier

Einer der wichtigsten reinen Reiseschriftsteller ist für mich der Schweizer Nicolas Bouvier. Geboren 1929 in Lancy machte er sich kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs mit einem Fiat Topolino auf den Weg nach Asien. Der Balkan, die Türkei, Iran und Pakistan waren die wichtigsten Stationen auf der Überlandreise nach Indien, die er später in seinem (meiner Meinung nach) besten Buch Die Erfahrung der Welt beschrieb. Eine wunderbare Sprache, literarisch und trotzdem leicht, dazu das genaue Gefühl für die Unterschiede eines solchen Mammutprogramms damals in den 1950er Jahren im Vergleich zu heute; alles stimmt.

Als seine Reise schließlich auf Sri Lanka ihren dramatischen Höhepunkt erreichte, verbrachte der Schweizer viele Monate durch Krankheit geschwächt und dem Wahnsinn nahe in einem kleinen, von Hitze und Insekten geplagten Hotelzimmer. Diese Phase ist sehr anschaulich im Buch Der Skorpionsfisch beschrieben. Jeder Mensch, der auf einer langen Reise war, wird sich darin wiederfinden. In den Momenten, in denen eben nicht jeden Tag etwas Neues, Aufregendes passiert, sondern in denen man sich selbst zuwider ist, in denen man seine Umgebung nicht mehr ertragen kann, in denen Langeweile und Selbstzweifel um sich greifen.


 

Cees Nooteboom

Momentan lese ich so viel Nooteboom, dass es mir schwer fällt, mich überhaupt auf andere Bücher zu konzentrieren. Mit über achtzig Jahren immer noch nicht Literatur-Nobelpreisträger, aber bereits mehrmals auf der Kandidatenliste, fällt der Niederländer auf den ersten Blick gar nicht als Reiseschriftsteller ins Gewicht. Seine berühmtesten Werke, allen voran Rituale aus dem Jahr 1980, sind Romane. Ein Großteil seines Schaffens aber konzentrierte sich seit den 1950er Jahren ganz direkt auf Reisen und das Schreiben über Reisen. Oftmals sind es dabei keine kompletten Werke über ein Ziel, sondern gesammelte Berichte und Geschichten über einzelne Reisen des Autors, die dann in Sammelbänden erschienen sind.

Ein sehr empfehlenswertes Buch dieser Kategorie ist für mich Der Laut seines Namens. Es geht um Reisen in die islamische Welt. Vor dem Hintergrund der aktuellen Situation mit IS; dem Attentat von Paris, der täglichen Medienberichte über um sich greifenden Extremismus in der islamischen Welt ist es besonders interessant, direkt aus erster Hand zu lesen, wie Teile der islamischen Welt in den 1960er, 1970er oder 1980er Jahren einen Besucher wie Nooteboom aufnahmen und ihn beeinflussten. Ich selbst werde in wenigen Wochen erstmals in meinem Leben den Iran besuchen, und auch vor dieser Reise lohnt sich ein Blick in die Erzählungen aus Nootebooms Werk.

Die häufigste Frage, die Nooteboom in seinem Leben gestellt worden sei, ist mir wohlbekannt, handelt es sich doch um die Frage: Warum reisen Sie überhaupt soviel? Der Niederländer ist mir nicht direkt wesensverwandt – geboren 1933 und mit einem durchaus tragischen familiären Hintergrund waren die Grundlagen für Nootebooms Aufbruchstimmung gänzlich anders als meine eigenen – aber doch liegt mir seine Motivation für das Aufbrechen in die Fremde sehr nah. Im Trailer zum Film Hotel Nooteboom gewinnt man einen ersten Eindruck davon, wie sehr Schreiben und Reisen für den Schriftsteller Hand in Hand gehen:

Das Tolle an Nooteboom ist auch, dass er jeden mit großer Sehnsucht vergiftet, der im Kopf ohnehin mit vielen, weit entfernten Zielen liebäugelt. So gibt es u.a. zu jedem einzelnen Kontinent einen Reiseband mit gesammelten Erlebnissen des Schriftstellers. Jedes Einzelne davon ist empfehlenswer, auch wenn mir das Asienbuch am meisten gefiel.

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Helge Timmerberg

Wenn man Timmerbergs Bücher liest, merkt man relativ schnell, dass man nicht unbedingt große Literatur vor der Nase hat (was ich von Nicolas Bouvier und Cees Nooteboom ohne Zögern behaupten möchte), sondern es ist kurzweilig und unterhaltsam. Extrem subjektiv, extrem auf die Wirkung beim Leser abzielend. Berechnend. Warum aber ist es so geil? Weil man nicht immer konzentriert lesen will, sondern einfach und schnell etwas Erleben. Und das bekommt man hier. Deswegen lese ich Timmerberg auch am liebsten, während ich gerad selbst unterwegs bin.

Helge Timmerberg ist wohl der einzige deutsche Schriftsteller, der niemals einen Hehl daraus machen würde, dass er selbst nur das schreibt, was er denkt, was er für erachtenswert hält. Er ist das, wovon es unter Schreibern, zumindest in Deutschland, aktuell kaum welche gibt. Er ist eine Type. Ein Original, das sich nicht verbiegen lässt. Dies vermittelt sich auch in Interviews mit ihm – Timmerberg kommt schnell vom Thema ab und landet bei einem ganz anderen Thema, eben weil es ihn gerad interessiert. Timmerberg prahlt gern mit seinen Erlebnissen, wenn er von sich selbst als Onkel Helge, als Ur-Hippie, berichtet. So eine Herangehensweise halte ich normalerweise für arrogant und eher lächerlich, warum aber darf Helge das bei mir? Und warum liebe ich seine Bücher?

Weil er ein Original ist, weil er wirklich der Abenteurer ist, den er beschreibt. Weil er trotz dem Stilmittel der Übertreibung so viele krasse Stories auf Lager hat, die ich ihm zweifelsfrei abnehme. Erst Recht, nachdem ich ihn vergangenen Herbst auf einer Lesung in Bremen persönlich erleben durfte. Seine Augen verraten rasch, dass viele seiner Drogengeschichten keine Fiktion sind. Sein Auftreten ist sympathisch schluderhaft, er hielt seine Lesung in Jogginghose und kam bei der Lesung vom einen aufs andere, beendete das Ganze dann im Rock’n’Roll-Stil mit einem selbst verfassten Liebeslied an der Gitarre. Helge Timmerberg ist einer der wenigen Menschen, denen ich unbedingt mal abends an der Theke begegnen möchte. Eine Nacht würde nicht ausreichen, um seinen Geschichten zuzuhören und mitzulachen, mitzufiebern und teilweise mitzutrauern. Und genau das ist auch das große Plus in seinen Büchern: Beim Lesen kommt es mir so vor, als ob er mir das gerad persönlich erzählt, als ob er mit einem Whiskey neben mir sitzt (Walk with Johnny, wie es in African Queen heißt) und auf die Kacke haut. Und ich kann gar nicht anders, als mich auf die Erlebnisse zu stürzen.

Am meisten hat mich von all seinen Büchern bislang die Sammlung Tiger fressen keine Yogis beschlagnahmt. Unzählige Male habe ich die Geschichten aus seinem Reise- und Reporterleben schon verschlungen, und jedes Mal stehen mir wieder die Haare zu Berge, wenn er vom Kokainschnupfen, vom Ausprobieren von Viagra an zwei Stewardessen zu investigativen Zwecken, vom Aufenthalt in Tel Aviv während des irakischen Bombardements oder von seinem Besuch in einem von der Pest befallenen indischen Dorf erzählt. Die drastische Sprache, der direkte Weg in die Geschichte – unverblümt, ungeschönt und ganz subjektiv formuliert – dieser Methode kann man sich nur schwer entziehen.

Das Timmerberg trotz aller Eitelkeit und Erfahrung dennoch einen extrem wachen Blick an den Tag legt, zeigt ein fantastisches Interview, das während seiner letzten Lesetour im Herbst 2015 zu Die Märchentante, der Sultan, mein Harem und ich gedreht wurde. Timmerberg kommt schnell auf den aktuellen Trend im deutschen Journalismus zu sprechen, gleichgeschaltet und angepasst Meinung zu machen, anstatt zu berichten. Und begründet gleichzeitig sehr nachvollziehbar, warum Subjektivität beim Schreiben für ihn trotzdem die einzig mögliche, da ehrliche Form von Journalismus und Schreiben im Allgemeinen ist. Das Interview dauert recht lang, aber schaut auf jeden Fall mal rein. Sehr lohnenswert.